Das öffentliche Leben kehrt langsam zurück, ab 19. Mai dürfen österreichweit Gastronomie, Tourismus, Sport und Kultureinrichtungen mit Sicherheitsauflagen wieder aufmachen, als Eintrittsvoraussetzung gilt: Man muss geimpft, genesen oder getestet sein. Ob dieser Stichtag auch für die Wiener Bühnen gilt, ist allerdings noch unentschieden. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig legte Veto gegen den Bundesbeschluss ein und will im Lauf dieser Woche den Fahrplan für weitere Öffnungsschritte in Wien bekanntgeben.

Die Wiener Theaterlandschaft verharrt weiterhin im Stillstand, obwohl jede Bühne vor lauter fertig produzierter, aber noch nie öffentlich gezeigter Inszenierungen förmlich zu bersten droht. Dramatisch ist die Situation für die freie Szene. Schon unter optimalen Bedingungen gibt es nicht genug Spielmöglichkeiten und nur eng getaktete Aufführungsserien, unter dem Vorzeichen der Pandemie gerät das System vollends an die Grenzen. Wie gehen freie Gruppen mit der so untragbaren wie unlösbaren Situation um? Toxic dreams, der "Verein für gewagte Bühnenformen" und makemake finden drei grundverschiedene Ansätze.

Solo-Theater

Die Performancegruppe toxic dreams zeigte ihre jüngste Premiere "The Adventure of Yoli Balulu and his Gang of Misfits" gezählte drei Mal im großen Saal des WUK ausschließlich vor einem handverlesenen Kreis aus Journalisten.

Das Stück nimmt die Pandemie zum Ausgangspunkt, um über die Bedeutung von Theater und die Rolle der Theatermacher in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen nachzudenken. Rahmenhandlung für die Reflexion ist ein Interview zwischen der Journalistin Greta Appelbaum (Anat Stainberg) und dem Regisseur Yoli Balulu (Markus Zett). In gewohnt-humorvoller toxic-dreams-Manier mäandert das Gespräch launig zwischen philosophischen und menschlich, allzu menschlichen Betrachtungen, unterbrochen wird der Dialog von revueartigen Tanz- und Gesangseinlagen der sechsköpfigen "Gang of Misfits". Wann die Premiere vor Publikum stattfinden wird, ist derzeit völlig offen. Ein Jammer, wenn diese so aufwendige wie gewitzte Aufführung nie vor vollen Rängen gezeigt werden könnte.

Ursprünglich war die Stückentwicklung "Feed the Troll" für Mai 2020 im Werk X-Petersplatz angesetzt, die Uraufführung des Frauenkollektivs "Verein für gewagte Bühnenformen" wurde auf Herbst, schließlich auf April 2021 verschoben, gewissermaßen von Lockdown zu Lockdown. Nun wurde das Stück über die dunklen Seiten des Internets als One-Shot-Film auf Okto gezeigt und ist auf der Oktothek weiterhin kostenlos abrufbar.

Die drei Akteurinnen Aline-Sarah Kunisch, Sonja Kreibich und Anna-Eva Köck agieren als Cyber-Amazonen, kritisieren männliche Hater, das neoliberale System der Online-Ökonomie und entwerfen eine Art feministischer Bot, um gegen patriarchale Hierarchien im Netz anzukämpfen. Das Team rund um Regisseurin Klara Rabl nimmt sich in diesem rabiaten Rundumschlag etwas zu viel vor, die Aufführung hängt mitunter etwas durch, dennoch erweist sich das Thema als lohnendes Sujet.

Auch das Stationendrama "weiter leben" der Theaterformation makemake durchlief mehrere Verschiebungen und findet nun bis 20. Mai als begehbare Videoinstallation für eine Person an vier verschiedenen Orten rund um das Theater Hamakom statt. Im 1992 erschienenen, weltweit rezipierten Erinnerungsbuch "weiter leben" schildert Ruth Klüger die systematische Ausgrenzung von Juden in ihrer Geburtsstadt Wien und die Odyssee durch drei Konzentrationslager. Der zweite Teil der Autobiografie, "unterwegs verloren" (2008), beschreibt die Ankunft der 16-jährigen Emigrantin in New York und die Widerstände, gegen die Klüger ankämpfen musste, um in Amerika Fuß zu fassen.

Die Regisseurinnen Sara Ostertag und Kathrin Herm verwenden Motive aus beiden Büchern, verweben diese zu einem konzentrierten Theaterereignis, die gefilmten Videosequenzen gewinnen durch die atmosphärischen Spielorte noch an Dringlichkeit - neben dem Theater Hamakom und dem Odeon-Spitzer gibt es ein improvisiertes Kino und einen ehemaligen Luftschutzkeller. So wird "weiter leben" zu einem solitären Bühnenerlebnis von seltener Intensität.

Drei Beispiele, die bezeugen, wie die freie Szene um Spielmöglichkeiten in spielfeindlichen Zeiten ringt. Weitermachen!