Erzählen wir uns traurige Geschichten von Königen", so beginnt Johan Simons "Richard II."-Inszenierung am Burgtheater, die nun einmalig gestreamt wurde, der Termin für die Bühnenpremiere steht coronabedingt noch nicht fest. Stacyian Jackson spricht als Königin Isabel diesen Prolog, der so im Stück gar nicht vorgesehen ist, und skizziert im Schnelldurchlauf eine Abfolge von Verrat, Intrige und Mord, die sämtliche Königsdramen kennzeichnet. Los geht’s, frei nach dem Motto: "All murdered."

Als Schauplatz und Tatort für "Richard II." hat Bühnenbildner Johannes Schütz ein weiträumiges, leeres Becken entworfen, in das die Schauspieler für ihre Auftritte regelrecht hinabsteigen und danach wieder herausklettern. Wer sich in diesem Haifischbecken behaupten will, muss gut gewappnet sein, hier wirft sich eine marode Adelsgesellschaft gewissermaßen selbst zum Fraß vor. Eine so schlichte wie überzeugende Metapher, Sinnbild für die gesamte Inszenierung. Einmal mehr erweist sich der belgische Regisseur als scharfsinniger und zeitgemäßer Shakespeare-Interpret.

Frau mit Zepter

Zuletzt inszenierte Simons an seiner Wirkungsstätte in Bochum einen außergewöhnlichen "King Lear" sowie einen stilprägenden "Hamlet", der zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Nun also in Wien das selten gespielte Historiendrama "Richard II., nicht zu verwechseln mit dem Erzbösewicht "Richard III.".

Simons verbietet sich im Umgang mit Shakespeare jegliches Schwelgen in Pathos und Poesie, vielmehr setzt er auf einen relativ nüchternen Sprachgestus, in Wien kommt die karge, aber zugleich wuchtige Übersetzung von Thomas Brasch zum Einsatz, allein dadurch klingen die Stücke aus dem Elisabethanischen Zeitalter erstaunlich modern.

Zudem hat sich Simons bei Shakespeare eine epische Spielweise erarbeitet, die zu einem so minimalistischen wie konzentrierten Zusammenspiel führt, im Burgtheater erlebt man eine geschlossene Ensemble-Leistung. Übrigens agieren die elf Darsteller auch als Bühnenarbeiter, wann immer die Stahlgerüste im Bühnenraum verschoben werden müssen, legen sie gemeinsam Hand an. Das hat was.

Das Trumpf-Ass von Simons Shakespeare-Bearbeitungen ist sein radikal anderer Blick auf die Frauenfiguren, die bei Shakespeare meist über wenig Strahlkraft verfügen. Simons hingegen wertet die weiblichen Rollen auf oder setzt gleich zum Rollentausch an: "Hamlet" besetzte er in Bochum etwa mit Sandra Hüller und Richards Gegenspieler, Heinrich Bolingbroke, der spätere König Heinrich IV., wird im Burgtheater von Sarah Viktoria Frick dargestellt. Ein gelungener Coup.

Allein der physische Kontrast zwischen dem schlaksigen Jan Bülow als Richard II. und der kernigen Sarah Viktoria Frick erzeugt eine gewisse Spannung, die im unterschiedlichen Spielstil noch verfeinert wird: Hier der nach allen Regeln der Kunst beleidigte Bülow, dort die grandios streitbare und vor Wut förmlich überkochende Frick. Was für ein Pas de deux!

Emotionale Distanz

Keine Frage: Simons rund zweistündige Inszenierung ist ein intellektuelles und darstellerisches Vergnügen, zum rundweg geglückten Theaterereignis fehlt dem Stück allerdings etwas an Farbe und ja, auch Dramatik.

"Richard II." ist im Grunde eine auf zwei Stunden ausgedehnte Absetzung eines unfähigen Königs, seine Ermordung ist beiläufig wie ein Postskriptum. Das Stück ist Auftakt der Lancester-Tetralogie. Vieles von dem, was in den darauf folgenden Stücken - die beiden Teile von "Heinrich IV." und "Heinrich V." - im Übermaß vorhanden ist, wie heterogene Schauplätze, verschlungene Handlungen, dichte Personenführung und die komische Figur des Falstaff, fehlt hier völlig. Die Handlung von "Richard II." ist erwartbar und linear, zu den Figuren und ihren Problemen wahrt Shakespeare eine erstaunlich emotionale Distanz. Selbst die reibungslose Burgtheater-Inszenierung verliert im Lauf der Handlung an Fahrt und hängt mitunter durch. Möglicherweise entfaltet sich im Theater jedoch ein anderer Sog als vorm Bildschirm. Vermutlich wird das Stück im Herbst angesetzt. Man darf gespannt sein.