Kulturbetriebe haben in Corona-Zeiten vor allem eines lernen müssen: Flexibilität. In einer Branche, die Verträge fünf Jahre im Vorhinein abschließt, sind wochenweise Perspektivänderungen besonders schwierig. Roland Geyer blickt dennoch zuversichtlich in seine letzte Saison als Intendant des Theaters an der Wien. Ein Gespräch über die Essenz einer Ära, Motivation ohne Live-Publikum und eine kommende Sanierung, die wohl noch Geyers Nachfolger beschäftigen wird.

"Wiener Zeitung": Der Lockdown zehrt auch am Kulturbetrieb. Wie geht es dem Theater an der Wien?

Roland Geyer: Im Moment gut. Wir freuen uns darauf, die Premiere unseres "Tristan Experiments" in der Kammeroper am 26. Mai vor Publikum spielen zu können. Und wir sind glücklich, dass wir vier Theater an der Wien-Produktionen zumindest vor Kameras haben spielen können. Sie hätten sonst nicht stattgefunden. Aber die letzte Saison war abgesehen davon natürlich frustrierend. Ich bin froh, dass es jetzt aufgeht. Dass die Politik glaubt, das Corona-Problem durch Zu- und Wegsperren lösen zu können, habe ich nie ganz verstanden - und einfach zur Kenntnis nehmen müssen. Da hätte man schon früher zu einer neuen Denkweise kommen müssen.

Welche Denkweise meinen Sie?

Die Regierung hätte schon vor einem halben Jahr darüber nachdenken müssen, wie man mit der Pandemie leben kann, statt zu glauben, man kann sie ausrotten. Corona wird uns, sagen Wissenschafter, noch Jahre begleiten, da ist es sinnvoller, Konzepte für das Leben mit dem Virus zu erarbeiten, also Pläne für das Öffnen zu entwickeln und zum Beispiel den Präventionskonzepten der Kultur zu vertrauen.

Wie war das Arbeiten an diesen TV-Produktionen im Lockdown?

Wir arbeiten hier ja wie in einem Hochleistungssportcamp. Die Künstler kamen PCR-getestet, haben isoliert gearbeitet, oft getrennt von Freunden und Familien, wurden laufend getestet und waren in einer Art geschlossener Bubble: ein sehr sicheres Arbeiten. Die fünf Einzelfälle seit September 2020, die wir trotzdem hatten, konnten wir gut eingrenzen.

Wie hat das die Arbeit verändert, haben die Sänger das Publikum vermisst?

Ich würde nicht sagen, dass die künstlerische Qualität damit höher wurde. Aber das Team als eingeschworene Gruppe war gestärkt. Bei der Arbeit vor Kameras, haben mir Künstler erzählt, war es schwerer, sich selbst in künstlerische Hochform zu bringen, das war emotionell eine stärkere Herausforderung als mit Zuhörern. Das "Feed and Feedback" zwischen Bühne und Publikum hat allen gefehlt. Die Künstler waren nach den Aufzeichnungen körperlich erschöpfter - auch weil sie von dem Energiefluss mit dem Publikum abgeschnitten waren.

Nach den Öffnungen: Was bieten Sie dem Publikum bis zur Sommerpause?

Neben der "Tristan"-Premiere mit sieben Folgevorstellungen auch zwei konzertante Opern "Armida" und "Cajo Fabricio", dazu das Kabarett in der Hölle "Reif für die Insel, ein äußerst passender Titel, der noch aus Vor-Corona-Zeiten stammt. Ich denke, wir sind alle reif für die Insel nach diesem Jahr. Dazu wollen wir "Figaro und die Detektivinnen" für Kinder zeigen. Unsere - zuletzt nur vor Kameras gespielten - Premieren können wir leider nicht kurzfristig vor Publikum aufführen. Das ist der Nachteil des Stagione-Spielsystems: Ich bekomme die Solisten und Orchester leider nicht spontan und geschlossen nach Wien.

Belastet die Krise das Haus finanziell?

Keine Frage. Aber jede Produktion, die nicht stattfindet, verursacht nicht automatisch ein finanzielles Desaster. Wir haben ja kein Orchester und kein Ensemble im Stand, also relativ geringe personelle Fixkosten. Ich habe noch keine Zahlen, aber für die meisten Kulturbetriebe gilt wohl: Durch die 80-prozentige Abdeckung der Personalkosten im Rahmen der Kurzarbeit und die Basissubventionen ist der Finanzverlust überschaubar - sofern die Subventionen in der Höhe bleiben trotz der Schließungen. Die Stadt Wien hat sich dazu jedenfalls schon bereit erklärt.

Der finanzielle Verlust bleibt also überschaubar, aber was ist mit dem immateriellen, was ging da verloren?

Dieser Verlust ist riesengroß. Die Menschen verloren einen Freizeitbereich, der glücklich macht und das Leben lebenswert. Natürlich gilt das vorwiegend für die zehn Prozent der kulturaffinen Bevölkerung. Doch denen sind 100 Prozent weggefallen.

Ihre nächste Saison steht unter dem Motto "Schwarze Nachthelle". Wie darf man sich das vorstellen?

Die Nacht ist nie völlig dunkel; der Mensch blickt hoffnungsvoll zu den Sternen und erinnert sich an den vergangenen Tag. Ich habe meine letzten vier Spielzeiten als Bogen konzipiert, der die Stimmung der verschiedenen Tageszeiten nachzeichnet - vom "Morgengrauen" in der Saison 2018/19 bis zur "schwarzen Nachthelle" jetzt; das rund 50 Opern umfassende Programm passt in einem atmosphärischen Sinn zu den Themen. Die Schluss-Saison ist auch eine Reminiszenz an meine 16 Jahre am Haus. Wir spielen die volle Bandbreite des Repertoires, vom Anfang des Operngenres bis zur Gegenwart.

Die Liste der Regisseure lässt an ein Familientreffen denken: Robert Carsen, Keith Warner, Christof Loy...

Auch das ist eine bewusste Entscheidung. Carsen wird die erste vollständig erhaltene Oper inszenieren: nicht Monteverdis "L’Orfeo", sondern "Rappresentatione di anima et di corpo" des Römers Emilio de‘ Cavalieri von 1600, ein geistlich-allegorisches Musiktheater. Carsen wird das als spannende Story erzählen, Dirigent Giovanni Antonini für Drive sorgen. Christof Loy kehrt mit seiner "Peter Grimes"-Regie zurück, die 2016 beim International Opera Award als beste Neuinszenierung prämiert wurde; Warner inszeniert Händels "Giulio Cesare". Ich setze aber auch auf Debüts: Dirigent Andrés Orozco-Estrada und Regisseurin Barbora Horáková werden sich in Catalanis "La Wally" dem Motiv Gewalt an Frauen widmen - ein Thema, das auch in "Tosca" sehr präsent ist. Regisseur Martin Kusej und Dirigent Ingo Metzmacher werden mit der Oper neue Wege gehen.

Das Haupthaus können Sie nur von September bis Februar 2022 bespielen, dann beginnt eine große Sanierung. Wussten Sie das schon beim Konzipieren Ihres Programms vor fünf Jahren?

Nein. Der ursprüngliche Plan war, dass der Umbau in diesem Mai beginnt und ich die gesamte folgende Saison im Museumsquartier bestreiten würde. Doch das hat sich wegen der Pandemie verschoben. Dafür werden wir in der Kammeroper insgesamt fünf Premieren präsentieren - meine allerletzte Rarität "Enoch Arden" im Mai 2022.

Das klingt nach einem langen Umbau. Heißt das, dass Ihr Nachfolger Stefan Herheim im September 2022 in einem Ausweichquartier beginnen muss?

Ja, aber die Details werden zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

Warum überhaupt die Bauarbeiten?

Weil das Haus das letzte Mal rund um 1960 grundlegend saniert wurde. Ein Hauptproblem ist, dass von Mariahilf Grundwasser zum Wien-Fluss herunterfließt und eine umfassende Trockenlegung notwendig wurde.

Die letzte Veranstaltung Ihrer Ära heißt "Summertime - The End" und ist ein Abend des Jungen Ensembles in der Kammeroper. Gönnen Sie sich zum Abschied keinen Geyer-Gala-Abend?

Nein. Ich habe mich immer bemüht, im Hintergrund zu gestalten, entscheidend sind die Künstler. Mit dieser Haltung werde ich auch gehen, ohne Pomp and Circumstances.