Die letzte Live-Performance, an die ich mich erinnern kann, war ein Konzert in einem Lokal in den Stadtbahnbögen irgendwann im August. Die Plätze waren limitiert, wir saßen im Mindestabstand zueinander; das, was im Sommer indoor eben möglich war.

Seitdem ist viel Wasser die Donau hinabgeflossen, die erneuten Lockdowns kamen und gingen oder wechselten zumindest vorübergehend die Härtegrade. Still blieb es in der Kulturbranche aber dennoch nicht. In den vergangenen Monaten entstanden neue virtuelle Formate, der digitale Raum wurde ein Stück weit zum Bühnenraum.

Und auch wenn das durch die angekündigten Öffnungsschritte am 19. Mai mittlerweile längst totzitierte Licht am Ende des Tunnels für die Theaterhäuser der lang ersehnte Scheinwerfer ist, stellt sich doch die Frage: Was davon wird bleiben dürfen?

Virtuelle Realität in Krasnojarsk

Samstagabend, 20 Uhr: Ich sitze in meiner Jogginghose auf dem Drehsessel mitten in meinem Wohnzimmer, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, so weit von meinen Extremitäten entfernt, dass es keinen Schaden nehmen kann, sollte es zu wildem Gestikulieren kommen. Denn noch bin ich nicht sicher, was da auf mich zukommt, als ich die Virtual-Reality-Brille aufsetze, die mir das Schauspielhaus Graz zugeschickt hat.

Theater mit VR-Brille vom Schauspielhaus Graz. - © Lex Karelly
Theater mit VR-Brille vom Schauspielhaus Graz. - © Lex Karelly

Ich finde mich in dystopischem Brachland wieder, irgendwo am Ufer des Neusiedler Sees, und drehe mich erst mal im Kreis, blicke hektisch nach oben und unten, die Szenerie passt sich jedem meiner Blicke nahtlos an. Plötzlich stapft eine Gestalt mit einem quietschenden Handwagen an mir vorbei, so knapp, dass ich fast mit meinem Drehsessel zur Seite rücken will. Der erste Monolog setzt ein.

Aus dem Off erfährt man, dass eine verheerende Katastrophe über die Erdoberfläche gefegt ist, nur wenige haben überlebt und arbeiten in der sibirischen Stadt Krasnojarsk am Aufbau einer neuen Zivilisation. Der Anthropologe (Nico Link), der unmittelbar vor meinen Füßen am Lagerfeuer kauert, ist seit Jahren auf der Suche nach Leben und Relikten, bis er schließlich in den unendlichen Weiten auf eine junge Frau stößt; er nennt sie Kreuzberg (Katrija Lehmann), weil sie beide zufälligerweise früher mal in Berlin gelebt haben. Sie hat einen Koffer dabei mit unzähligen Berichten aus der alten Zeit.

Die Off-Monologe werden immer wieder unterbrochen von Szenen, Bilder fließen ineinander über, mal vor mir, dann wieder neben oder hinter mir. Manchmal trifft mich der direkte Blick der Darstellenden und reißt die vierte Wand damit restlos ein. Der 3D-Sound (Sounddesign: Elisabeth Frauscher) führt meinen Fokus von einer Szene zur nächsten, die Geräusche kommen tatsächlich aus der Blickrichtung, in die man sich wenden soll.

Das Schauspielhaus Graz bringt mit "Krasnojarsk" ein 360-Grad-Erlebnis in die privaten Wohnzimmer. - © Lex Karelly
Das Schauspielhaus Graz bringt mit "Krasnojarsk" ein 360-Grad-Erlebnis in die privaten Wohnzimmer. - © Lex Karelly

"‚Krasnojarsk‘ schien uns auch deshalb so geeignet für die VR-Brille, weil die Thematik zum Medium passt. Die Vereinzelung, die darin erzählt wird, korrespondiert auf gewisse Art und Weise mit dem Erlebnis", sagt Dramaturgin Elisabeth Tropper. Ursprünglich war die Inszenierung des Stücks des norwegischen Autors Johan Harstad von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher nicht vorrangig gedacht für die privaten Wohnzimmer. Die Brillen sollten im Schauspielhaus selbst zur Verfügung gestellt werden, um so das Publikum zumindest mit Sicherheitsabstand und auf Drehstühlen im Theater begrüßen zu können. Stattdessen kommen die Brillen nun direkt zum Publikum nach Hause, ein Bote holt sie ein paar Tage später wieder ab. "Nur Streamen wäre uns zu wenig gewesen", sagt Tropper. "Das Ausstrahlen von Aufzeichnungen wird dem Medium oft nicht gerecht."

Nach über einem Jahr Lockdown, Homeoffice und Video-Konferenzen ist die allgemeine Bildschirmmüdigkeit spürbar groß, da kommt Abwechslung mehr als gelegen. Während man im ersten Lockdown noch verstärkt versuchte, das Live-Erlebnis eins zu eins ins Internet zu verfrachten, ist mittlerweile klar, dass sich bestimmte Live-Aspekte nur schwer virtuell übersetzen lassen. Dazu braucht es andere, neue Formate.

Dreharbeiten für das Online-Stück "Goodbye Kreisky" von Nesterval. - © Alexandra Thompson
Dreharbeiten für das Online-Stück "Goodbye Kreisky" von Nesterval. - © Alexandra Thompson

"Ich denke, dass die Live-Streams im ersten harten Lockdown noch viele vor die Bildschirme gelockt haben, aber da ist inzwischen wahrscheinlich schon die Luft raus", sagt Christoph Liebentritt vom Wiener Designstudio Buero Butter. Deshalb arbeiten Matthias Bayr und er an den Butter Sessions. Das sind 20-minütige Musikvideos einzelner Bands, die zwar live, also in einer Aufnahme, gedreht, aber nicht live gestreamt werden. Die Videos sollen durch die visuelle und soundtechnische Nachbearbeitung qualitativ hochwertiger sein, dauerhaft verfügbar und dadurch langlebiger – auch für die Bands selbst, die diese Videos für eigene Zwecke nutzen können. Sowohl bei den Acts als auch bei den Drehorten geht es Bayr und Liebentritt um einen bunten Querschnitt abseits des Mainstreams. Gefilmt wird entweder direkt im Butter-Studio oder an ausgefalleneren Locations.

Die Gesangskapelle Hermann hat etwa das Café Rüdigerhof bespielt, das Video von Yokohomo wird in einen Steinbruch gedreht. Die ersten drei Butter Sessions von Lucy Dreams, AZE und der Gesangskapelle Hermann sind ab 14. Mai verfügbar.

Die Frauen entscheiden

Freitagabend, 19.30 Uhr. Ich sitze wieder in Jogginghose auf meinem Drehsessel, diesmal vor meinem Computer, und logge mich auf Zoom ein, einem Video-Chat-Service, das ich bisher nur von Videokonferenzen kannte.

Eine Darstellerin, die sich als "Analyseeinheit" vorstellt, begrüßt mich und elf andere, die an der "Goodbye Kreisky"-Inszenierung von Nesterval teilnehmen, in einem Chatroom. Sie benennt alle Teilnehmenden in Nummern um und führt uns in unsere Rolle als Kommission ein: Bauarbeiten in Wien hatten im Jahr 2020 eine vergessene Anlage der Kreisky-Ära zutage gefördert, und mit ihr ihre seit über 50 Jahren isoliert lebenden Bewohnerinnen und Bewohner. Über ihr Schicksal werden wir in weiterer Folge gemeinsam entscheiden müssen.

Unsere Nummern sollen wir uns gut einprägen, mahnt die Analyseeinheit vor Beginn der ersten Szene, weil sie uns im Laufe des Stücks immer wieder individuell nach Entscheidungen fragen wird. Ein Kunstgriff, der zweifelsohne die Aufmerksamkeit steigert und die Hemmschwelle deutlich erhöht, während der Performance doch mal eben in Richtung Facebook abzubiegen. Dann schaltet sie uns zum vermeintlichen Live-Stream aus der Generali-Arena in Wien zu, wo sich die Überlebenden befinden. Von Szene zu Szene entscheidet abwechselnd eine von uns – wie in der ausgegrabenen Anlage haben auch im Zoom-Chatroom Frauen die absolute Entscheidungsgewalt –, welchem Handlungsstrang wir weiter folgen.

Die Butter Session von AZE geht voraussichtlich am 14. Mai online. r - © Doris Himmelbauer
Die Butter Session von AZE geht voraussichtlich am 14. Mai online. r - © Doris Himmelbauer

Das Prinzip kennt man bereits aus dem Analogen: Für seine immersiven Theaterstücke ist das Nesterval-Ensemble längst bekannt. Aufwendig und detailreich laufen die Inszenierungen üblicherweise an meist weniger üblichen Orten ab. Sicher wäre das auch bei "Der Kreisky-Test" der Fall gewesen, wovon "Goodbye Kreisky" eine Art Spin-off ist, doch eine Woche vor Probenstart kam der erste Lockdown und das Nesterval-Ensemble entwickelte die Online-Version, die noch im selben Jahr mit einem Nestroy in der Kategorie Corona-Spezialpreis ausgezeichnet wurde. "Goodbye Kreisky" war ebenfalls zunächst analog geplant, die Geschichte hat sich aber auch in der Zoom-Variante kaum verändert, bis auf die Analyseeinheiten, die das Publikum technisch und narrativ durch den Abend führen. Sie sind Dreh- und Angelpunkt des Live-Charakters, den auch diese Inszenierung erfolgreich transportiert. Denn alles andere ist vorab gedreht, also nicht live. Auch wenn das sowohl das Stück selbst als auch die Ensemble-Mitglieder auf Social Media vorab glauben machten.

Ein Gesamtkonzept, das übergreift in die reale Welt, ist typisch Nesterval. "Schon beim Kreisky-Test haben wir damit gespielt, dass man sich im Internet nie ganz sicher sein kann, was einem da präsentiert wird: Ist es live oder nicht?", sagt Regisseur Martin Finnland. "Auch ich bin dadurch skeptischer geworden. Erst wenn jemand direkt mit mir spricht, habe ich den Beweis, dass es live ist."

Diana Köhle hat sich hingegen während der Lockdown-Zeit für ein alternatives Format abseits des Bildschirms entschieden: "Ich bin selbst schon bildschirmmüde. So etwas muss auch g’scheit gemacht sein und für mich als One-Woman-Show ist das so nicht möglich." Sie ist Organisatorin und Moderatorin der beliebten Tagebuch-Slams, bei denen im Poetry-Slam-Charakter Menschen aus den Tagebüchern ihrer Jugend vorlesen. Durch Klatschen und Jubeln wird am Ende ein Kandidat zum Sieger gekürt. Das lässt sich online kaum imitieren. Deshalb wird in Köhles Podcast "Mein Tagebuch, ich + …" auch nicht geslammt, sondern getratscht. In Talk-Show-Manier bittet sie regelmäßig Teilnehmende ihrer Tagebuch-Slams gemeinsam mit Personen, um die es in deren Tagebucheinträgen ging, zu Hintergrundgesprächen vors Mikro.

Not macht zwangsweise erfinderisch, darin lauert aber auch eine große Portion Zynismus, findet Köhle: "Ich hasse es, wenn jemand sagt: Lass dir halt etwas anderes einfallen. Ich kann nicht kreativ sein ohne Austausch mit anderen Menschen. Natürlich sind coole neue Sachen entstanden, aber nicht jedem war das möglich." Ein Klick könne außerdem niemals den Applaus des Publikums ersetzen, das sei einfach nicht vergleichbar.

Diana Köhle (hinten) veranstaltet auch diesen Sommer Tagebuch-Slams unter freiem Himmel.  - © David Samhaber
Diana Köhle (hinten) veranstaltet auch diesen Sommer Tagebuch-Slams unter freiem Himmel.  - © David Samhaber

Darin ist man sich generell einig. Dass die Erfahrungen mit den Möglichkeiten, die die digitale Welt bietet, das Theaterschaffen in Zukunft verändern könnten, darin allerdings auch. "Wenn wir wieder zurück zur alten Form kehren können, haben wir damit ein weiteres Tool gewonnen, das wir nützen können, wenn es notwendig und sinnvoll ist und Spaß macht", sagt Nesterval-Dramaturgin Teresa Löfberg. Hybridformen aus beiden Welten wären denkbar. Im Schauspielhaus Graz will man auch künftig alternative, digitale Projekte einplanen und die digitalen Möglichkeiten weiter ausloten.

Etwas von den Erfahrungen der Lockdowns wird also bleiben, anderes wahrscheinlich verworfen. Denn obwohl die Formate aus der Not heraus entstanden sind, bergen sie sowohl für Finnland und Löfberg als auch für Tropper doch auch Vorteile: Zum einen ist es dadurch möglich, internationaler zu arbeiten – Nestervals "Der Kreisky-Test" erreichte 57 verschiedene Städte in 22 Ländern auf fast allen Kontinenten und auch das Schauspielhaus Graz verschickt seine Krasnojarsk-Brillen nicht nur in ganz Österreich, sondern auch nach Deutschland. Zum anderen erreicht man dadurch auch Zielgruppen, denen aus den unterschiedlichsten Gründen sonst kein Theaterbesuch möglich wäre; eine gewisse Barrierefreiheit bringen virtuelle Formate durchaus mit sich. Vorausgesetzt allerdings, man verfügt besonders im Fall der Zoom-Inszenierungen über die nötigen technischen Gerätschaften.

Der Sommer wird bunt

Und wie sieht die unmittelbare Zukunft aus? Zum Zeitpunkt unseres Gespräches stand noch nicht fest, in welcher Form das Nesterval-Ensemble sein Stück "Sankt Peter" im Rahmen des Supergau-Festivals im Mai zeigen wird: "Wir planen dreigleisig", sagt Finnland. Dreigleisig bedeutet, man hatte eine analoge Version, eine reine Online-Version und eine Hybridform in petto. Mittlerweile ist klar: Nesterval darf spielen. "Und das ganz ohne Bildschirm und Internet. Im echten Leben!", wie ein Post auf der Facebook-Seite lesbar erleichtert verkündet.

Auch das Schauspielhaus Graz öffnet mit 19. Mai seine physischen Pforten. Gleichzeitig denke man aber auch über die Möglichkeit von Open-Air-Formaten nach, so Tropper: "Wir sind ständig dabei, uns Alternativen zu überlegen oder ein Begleitprogramm, das wir in jedem Fall anbieten können." Trotz der üblichen Schließpause im Sommer stehe etwa ein Sommerspielplan im Raum, am 28. Mai feiert mit "Der Bau" auch schon ein neues 360-Grad-Stück Premiere, die VR-Brillen werden voraussichtlich auch über den Sommer verschickt und gerade entwickelt man einen Audio-Walk über queere Stadtgeschichte in Graz, der ebenfalls im Sommer verfügbar sein soll.

Matthias Bayr und Christoph Liebentritt vom Buero Butter spielen mit dem Gedanken, die Butter Sessions auch einem stark reduzierten Live-Publikum zu öffnen, wenn es die Corona-Maßnahmen zulassen.

Und Diana Köhle wird mit ihren Tagebuch-Slams auch heuer wieder am "Wir sind Wien – Festival der Bezirke" teilnehmen und in der ersten Juni-Woche täglich in einem anderen Wiener Park Open-Air-Slams veranstalten. Im Juli soll es jeden Montag im USUS am Wasser Tagebuch-Lesungen geben und außerdem Köhles alljährliche "Ab ins Wasser"-Slams im Bundesbad Alte Donau, auf die sie sich schon besonders freut: "Da darf ich die Leute ins Wasser stoßen, wenn sie die fünf Minuten Vortragszeit überschreiten." Wenn auch der Optimismus allgemein noch etwas verhalten scheint, wird wohl auch der diesjährige Sommer bunt.