Wenn am 8. Juli die Lichter die Bühne erleuchten und der See im Hintergrund nur noch schemenhaft zu erkennen ist, wird er irgendwo in den Rängen sitzen, sich zurücklehnen und das Spiel genießen. Vorausgesetzt natürlich, das Wetter spielt mit. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Ton, dem Licht, den Fahrten der Bühnenaufbauten, der Choreografie der Bühnentechniker, die bei den Seefestspielen alles händisch bewegen: "Ich passe auf, dass durch die Routine nicht irgendwas schlechter oder schleißig wird. Jeder Zuschauer hat immer, jedes einzelne Mal, unsere beste Vorstellung verdient", sagt Thomas Karaba.

Seit dem Wendejahr 1989 gehören Karabas Sommer den Seefestspielen Mörbisch. Er ist seit 32 Jahren dabei, zuerst – damals noch Student des Bauingenieurwesens – als Statist, alsbald als Bühnenhelfer, dann als Bühnentechniker, seit 2002 als technischer Leiter der Bühne und schließlich seit 2007 für die ganzen Seefestspiele – "das gesamte Gelände". Peter Edelmann, seit 2018 Künstlerischer Direktor, ist sein fünfter Intendant. "Die Theaterwelt hat mich immer fasziniert", sagt er.

Die Seefestspiele Mörbisch sind das drittgrößte Festival in Österreich, im Bereich Operette sogar das weltgrößte. 2018 kamen 137.000 Besucher. 2021 ist eine ungewöhnliche Saison, ein Jahr nämlich, in dem wieder ein Musical auf dem Spielplan steht: "West Side Story". Wer jetzt nach Mörbisch reist, wird am Rande des Neusiedlersees also New York finden. Zumindest arbeitet Karaba mit derzeit 50 Mitarbeitern daran, die 2.500 Quadratmeter große Bühne in das New York der 1950er Jahre zu verwandeln.

Das Rendering der "West Side Story" von Bühnenbildner Walter Vogelweider. - © Walter Vogelweider
Das Rendering der "West Side Story" von Bühnenbildner Walter Vogelweider. - © Walter Vogelweider

Technik für die Kunst

"Jedes Bühnenstück entsteht ja aus einer künstlerischen Idee heraus", sagt Karaba. Soll heißen, die technischen Überlegungen, die praktischen Fragen der Umsetzung kommen an zweiter Stelle oder noch später. Die Technik folgt der Kunst.

Die Entscheidung für ein bestimmtes Stück, die in der Regel die Intendanz einer Bühne trifft – wenn auch nicht allein – , ist die Grundlage für viele große und unzählige kleine Entscheidungen, die viel später fallen: für den Regisseur (heuer: Werner Sobotka), die musikalische Leitung (heuer: Guido Mancusi), den Bühnenbildner (heuer: Walter Vogelweider), Kostüm (heuer: Karin Fritz) usw. usf. "Hier in Mörbisch beginnen wir ungefähr zwei Jahre vor der Premiere. In anderen Häusern ist diese Phase mitunter bis zu fünf Jahre vorher."

2.500 Quadratmeter Bühne. - © Jerzy Bin
2.500 Quadratmeter Bühne. - © Jerzy Bin

Die Seefestspiele Mörbisch sind bekannt für ihre opulenten Bühnenbilder. Abstraktion oder Minimalismus findet man dort nicht. Es kann sein, dass eine riesige Geige die Bühne ist, aufklappbar und bespielbar, so wie 2018 bei "Gräfin Mariza", als in einer ebensolchen Geige ein gesamter Landsitz verborgen war. Es kann sein, dass ein riesiger Drache auf der Bühne anmutig Kreise zieht, wie 2019 bei "Land des Lächelns". "Geht nicht, gibt es bei mir nicht", sagt Karaba. "Alles ist möglich, man muss nur den richtigen Weg finden."

Karabas Arbeit beginnt bereits, wenn das Konzept für die Bühne sich erst abzeichnet. Er arbeitet eng mit dem Bühnenbildner zusammen, kann abschätzen, was auf der Bühne in Mörbisch auf welche Weise realisiert werden kann. Die Diskussionen und Planungen dauern, bis es ein fertiges Bühnenkonzept gibt. "Das ist definitiv die spannendste Phase", sagt Karaba. "Was man dort nicht gut macht, hängt einem ewig nach."

Im Jänner vor der Premiere entstehen unter Karabas Leitung die technischen Beschreibungen der Bühnenaufbauten. Auf diesen Plänen beruhen die Ausschreibungen für die Firmen, die die Kulisse bauen sollen und alle Objekte, die auf der Bühne stehen oder sich bewegen. Manches davon ist so groß, dass es erst vor Ort aufgebaut werden kann. "Ziel ist, dass wir Ende Mai damit fertig sind."

Der Wasser-Tank muss dann noch auf ein Dach. - © Jerzy Bin
Der Wasser-Tank muss dann noch auf ein Dach. - © Jerzy Bin

Ab Ende Mai, Anfang Juni beginnen die Proben. In diesem Jahr für West Side Story in einem Bühnenbild, das so gut wie fertig ist.

Die Proben werden sich bis zur Premiere hinziehen, wobei immer neue Elemente hinzukommen: Choreografie, Garderobe, Chor, Orchester, die Umbauten auf der Bühne, Ton und Licht. Kabel werden gelegt, die Bühnenbauten bestehen ihre ersten Live-Tests.

Die Bühnentechniker, die auch zu Karabas Crew gehören, proben mit. Sie bewegen die Objekte auf der Bühne, erwecken sie zum Leben, sie sind schließlich integraler Bestandteil des Stücks. "Das ist eigentlich die zweite wirklich spannende Phase, denn jetzt muss sich alles zusammenfügen, damit der Ablauf im Stück gegeben ist", sagt Karaba. Die Vermittlung dieser Choreografie an die Bühnentechniker ist ebenfalls eine seiner Aufgaben. "Wir beginnen mit einer kleinen Mannschaft, die einmal Einzelteile für die Proben hin und her bewegt, bis wir wissen, wie sie sich bewegen, und bis wir dann eine Choreografie für den Bühnenumbau haben. Ab dem Moment sind dann tagelang alle da, damit wir unsere Abläufe einstellen – auf die Musik, auf die Geschwindigkeit. Es soll alles zusammenpassen."

In diesem Jahr werden 24 Bühnentechniker mitwirken, acht mehr als 2019, denn als Musical hat West Side Story mehr Szenenbilder, für die umgebaut werden muss.

Ohne seine frühe Theatererfahrung könnte er den Job nicht machen, glaubt Karaba. "Es ist gut und schön, wenn man Bauingenieur studiert hat. Das ist eine Basis. Wenn man mit einem Bühnenbildner spricht, hat man die technischen Lösungen schon im Hinterkopf." Die Technik sei aber nur die eine Seite. Die vielen Jahre als Statist haben Karaba gelehrt, die künstlerische Seite des Theaters zu verstehen. Es fällt ihm leicht, sich schnell eine Vorstellung von einem Bühnenbild zu machen, das zuerst nur als Idee existiert. Karabas kann übersetzen; von der Technik in die Kunst, von der Kunst in die Technik: "Es ist natürlich so, dass ein Künstler die technischen Seiten nicht so intus hat."

Handarbeit und Koordination

Mörbisch ist anders als die Seebühne der Bregenzer Festspiele eine Bühne mit einem Bühnenboden. Hier wird das meiste händisch gemacht. Wenn ein Drache tanzen soll, dann bewegen ihn Bühnentechniker. Wenn es viele Umbauten gibt, packen mehr Leute mit an. Automatisierte Lösungen haben ihre Tücken, wie Karaba sagt. Sein Credo: "Entweder löst man es so, dass alles automatisiert ist oder nichts automatisiert ist."

Es werde nämlich immer dann schwierig, wenn Menschen und Maschinen sich koordinieren müssen, ganz abgesehen von den Sicherheitsvorkehrungen, die dann zu treffen sind, und abgesehen davon, dass technisches Gerät wieder technisches Gerät erfordert, eine Hydraulik etwa. "Mein Ziel für Mörbisch ist es daher immer, dass wir alles händisch machen".

Aufbau mit Lagebesprechung. - © Jerzy Bin
Aufbau mit Lagebesprechung. - © Jerzy Bin

Handarbeit schafft aus Karabas Sicht für die Bühnentechnik auch die notwendige Freiheit, sich an Umstände anzupassen, etwa an das Wetter. Der Neusiedler See zieht im Sommer Gewitter magisch an. Gespielt wird trotzdem. "Wenn ein Wind geht, verzögern wir den Umbau einfach ein bisschen, ich hole alle Leute zu einem Teil hin, und wir machen das. Bei Elektrik ist es so, dass alles steht, wenn es für das System zu viel wird."

Eine der größten Herausforderungen für eine Outdoor-Bühne von derartiger Größe ist der Ton. Seit 1993 schon ist in Mörbisch Richtungshören möglich. Die Zuschauer hören den Ton aus der Richtung, aus der er kommt. Es ist ein kalkulierter Effekt, der intensiv geprobt und getestet wird. "Unsere Ansprüche an den Klang sind sehr hoch", sagt Karaba. "Wir sind jetzt soweit, dass wir auch Outdoor einen Klang hinbekommen, der dem Sound Indoor entspricht."
Einhundert Lautsprecher und Soundeffekte wie künstliche Hallreflexionen machen dieses intime Klangerlebnis möglich. "Soundchecks und Tonproben dauern bei uns sehr lang. Viel länger als beim Licht", so Karaba. "Es ist nicht zu hundert Prozent möglich, aber wir wollen für jeden Zuschauer dasselbe Klangerlebnis schaffen, egal, wo er in den Rängen sitzt."

Der Ton sei besonders heikel auch deshalb, weil jeder Fehler sofort von allen auch als solcher erkannt wird. "Wenn der Ton einmal ausfällt, hat jeder sofort nichts gehört; wenn es an einer Stelle Dunkel bleibt, weil das Licht ausfällt, bemerkt das niemand. Es weiß ja niemand von den Zuschauern, wie es hätte sein sollen." Tontechniker sind daher schon bei den Proben dabei. Sobald es ernst wird, sind bis zu sechs Techniker bei jeder Aufführung da und können bei Bedarf live eingreifen. Jede Aufführung ist anders. Bei Licht und Ton wird daher permanent live nachjustiert und angepasst.

Läuft es bei einer Vorstellung mal nicht rund, folgt die Manöverkritik am nächsten Tag vor der nächsten Vorstellung. Wie ein Fußballcoach trifft Karaba das gesamte Team. Jeder Abend muss der beste werden.
Wenn dann das Licht auf der Bühne angeht, wird er sich zurückziehen. Und das Wetter beobachten. Oder doch mal mit anpacken. Aus Freude am Theater.

Der Drache aus "Land des Lächelns" (2019). - © Jerzy Bin
Der Drache aus "Land des Lächelns" (2019). - © Jerzy Bin