Das Berliner Theatertreffen, die Leistungsschau der Bühnenkunst, versteht sich seit seiner Gründung vor 70 Jahren als exklusives Forum: In Berlin findet alljährlich eine Standortbeschreibung des deutschsprachigen Theaters für ein ausgesuchtes Publikum statt.

Im Vorjahr fand das Theatertreffen zum ersten Mal nur online statt, in diesem Jahr ist es wiederum so - und doch ganz anders. Im Jahr 2020 wurde die Planung des Festivals pandemiebedingt kurzfristig revidiert. Streamen war eine Novität. Geht das überhaupt, ein rein virtuelles (Theater-)Treffen? Es ging. Und sogar erstaunlich gut, die enorme Resonanz und internationale Reichweite verblüfften die Veranstalter.

Im Ausnahmemodus

"Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Pawel Dudus. - © Martina Marini-Misterioso
"Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Pawel Dudus. - © Martina Marini-Misterioso

Nach einem langen Jahr mit Theaterschließungen und Aufführungen via Bildschirm haben Besucher, Bühnen und das Berliner Theatertreffen selbst dazugelernt: Bei der Eröffnung vergangenen Donnerstag (13. Mai) klickten sich 1.500 Interessierte in die Geschehnisse auf der digitalen Bühne des Berliner Theatertreffens, weitaus mehr, als im Berliner Festspielhaus Platz finden könnten.

Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, sprach vom "Aufbruch in andere Produktions- und Erzählweisen, neuen Begegnungsformen mit unserem Publikum". Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, bedauerte dagegen den Verlust persönlicher Begegnungen: "Festivals sind das Gegenteil von Lockdown und Distanz. Festivals stellen Nähe, Austausch und Begegnung her". Weiters erinnerte Büdenhölzer in ihrer Online-Ansprache auch daran, dass das abgelaufene Jahr der Sichtung und Vorbereitung von Unwägbarkeiten bestimmt war. Die Autorin dieser Zeilen gehört seit diesem Jahr der Jury des Theatertreffens an; ihren sechs Kolleginnen und Kollegen ist sie noch kein einziges Mal in analoger Weise begegnet, sondern allein im Bildschirm-Modus. Die Frage, ob und wie das Theatertreffen überhaupt stattfinden kann, war lange Zeit erster Tagesordnungspunkt der Sitzungen.

Der Auswahlzeitraum läuft von Jänner bis Jänner eines Jahres; rund acht Monate davon blieben die Bühnen pandemiebedingt geschlossen, aber zunehmend wanderten Aufführungen ins Internet ab, Live-Streamings und Hybrid-Formate waren zu entdecken. Die Theatertreffen-Jury sichtete immerhin 236 Inszenierungen, in Regeljahren sind es indes über 400.

Die Auswahl 2021 und somit auch das heurige 70-Jahr-Jubiläum des Theatertreffens stehen also unter der Signatur des Ausnahmezustands, tragen den Stempel des Trotzdem, sind geprägt von zahlreichen Kompromissen - und zugleich von seltener Diversität, leichter Verfügbarkeit und Zugänglichkeit: Die ausgewählten zehn Inszenierungen können bis Festivalende am 24. Mai kostenlos gestreamt werden.

Status quo

Die Eröffnungspremiere "Einfach das Ende der Welt" in der Regie von Christopher Rüping zeigt, wie leichtfüßig Live-Stream sein kann; in Sebastian Hartmanns Umsetzung von Thomas Manns "Zauberberg" lässt sich mittels sechs Kameras herrlich die Orientierung verlieren, und das Performancekollektiv Gob Squad führt im Bühnenmarathon "Show me a Good Time" den privaten Irrsinn des Lockdowns vor.

im Bild: Matze Pröllochs und Benjamin Lillie (v.l.) in Christopher Rüpings fulminanter Regie von "Bis ans Ende der Welt".
 - © Pfammatter / Schauspielhaus Zürich
im Bild: Matze Pröllochs und Benjamin Lillie (v.l.) in Christopher Rüpings fulminanter Regie von "Bis ans Ende der Welt".
- © Pfammatter / Schauspielhaus Zürich

Das Wiener Burgtheater ist mit der Wiederentdeckung von Anna Gmeyners "Automatenbüfett" vertreten und überzeugt mit einer geschlossenen Ensembleleistung. Leonie Böhm wiederum zeigt eine Radikaldeutung von "Medea" quasi als Monolog von Maja Beckmann. Mit "Scores that shaped our friendship" ist auch erstmals eine inklusive Aufführung eingeladen (die Performerin Lucy Wilke leidet unter spinaler Muskelatrophie). Die Lecture-Performance "Name her" dekliniert daneben rund sieben Stunden lang ein Alphabet vergessener Frauen durch (ein Kraftakt von Anne Tismer), in Anne Lenks wunderbar zeitgemäßer "Maria Stuart"-Inszenierung wird gegendert. Stefan Bachmann klagt in "Graf Öderland" bildmächtig den Arbeitsdruck im Neoliberalismus an, und Rainald Goetz’ "Krieg gegen den Terror" stellt schließlich eine unbarmherzige Gegenwartserforschung in Regie von Karin Beier dar. Aus Sicht der Jurorin: Online-Pflichttermine, allesamt.

Abgerundet wird das Jubiläumsprogramm durch eine neue Reihe: "Stages Unboxed" mit vier Netztheaterproduktionen und Gesprächen zum virtuellen Spiel. Gering sind sie auf keinen Fall, die Möglichkeiten des Onlinetheaters. Dennoch: Auf bald im Theater Ihrer Wahl!