Ausgerechnet eine Höhle. Monatelang war man jetzt auf seine eigene "Höhle" zurückgeworfen. Und nun, wenn die Theater endlich öffnen können, sitzt man wieder in einer. Zumindest macht es im Schauspielhaus den Eindruck, denn auf der Bühne ist ein gewaltiges Steingebilde zu sehen, das in der Dunkelheit auch die Zuseher einfängt. "Die Odyssee" steht am Programm, aber dass Homer-Puristen hier glücklich werden, können sie sich schon nach den ersten Sätzen abschminken. Und zwar nach den ersten Sätzen einer Kakerlake. Einer Kakerlake mit Rauschebart. Und überraschend kindlicher Stimme. Dieses Getier, gespielt von Judith Altmeyer, geht erst direkt auf die aktuelle Situation ein, indem es das Publikum anspricht: Der Druck sei jetzt schon riesig, jetzt erwarten sich nach der langen Theaterabstinenz natürlich alle etwas Spektakuläres. Da könne jetzt schon passieren, dass Erwartungen enttäuscht werden. Sie hielt dann ein Plädoyer dafür, dass auch das Nicht-Besondere eine Existenzberechtigung hat. Statistisch gesehen sei das gar nicht anders möglich. Und ging dann erst mal ab, um Platz zu machen für drei Höhlenforscher (Sebastian Schindegger, Simon Bauer und Til Schindler), die sich nacheinander abseilten, ihre Ausrüstung auf der Bühne verteilten und durch Höhlenlöcher kriechen. Szenen mit diesen Männern, die sich in unverständlichem Murmeln offenbar scherzhaft unterhalten und Monologe der Kakerlake wechseln sich ab. Letztere verrät ganz nebenbei, dass die vereinzelten Längen der Inszenierung wahrscheinlich Absicht sind. Und sie erzählt von ihrem 95-jährigen Opa, mit dem sie seit Corona täglich telefoniert, weil er ohne Oma, die bereits im Altersheim ist, einsam ist. Der Opa ist auch ein Riesen-Homer-Fan. Allerdings kein großer Fan von brotlosen Berufen wie Schauspielerei.

Verbunden werden die Szenen durch Musik von Jacob Bussmann, er singt mit sirenenhafter Klaus-Nomi-Referenzstimme vereinzelte Verse aus Homers Epos in einer neuen englischen Übersetzung. "Tell me about a complicated man, muse, tell me, how he wandered and was lost." Das ist der direkte Bezug, den dieser Theaterabend zu seiner titelgebenden Inspirationsquelle hat. Auch die Höhle ist ein wichtiger Topos in der "Odyssee": In einer solchen hält die Nymphe Calypso Odysseus gefangen, in einer solchen lebt der Zyklop Polyphem.

Doch der Begriff der Odyssee ist nicht bei Homer klebengeblieben und ist längst als Sinnbild der Irrfahrt in den Sprachgebrauch eingegangen. Inwiefern die Theatermacher Jakob Engel und Jan Philipp Stange ihr Höhlengleichnis in diese Tradition eingliedern, wird nicht restlos klar. Aber Haltmeyers augenrollende Kakerlake mit dem ausgeprägten Sinn für absurde Pointen ist schon ein großes Vergnügen. Und zumindest für sie scheint es ein Happy End zu geben. Freilich ist anzunehmen, dass Homer-Fan Opa mit dieser freien Variation wenig anfangen kann.