Den ersten Applaus des Abends kassierte Bogdan Roščić: Nach fast siebenmonatiger Schließzeit ließ es sich der Staatsoperndirektor nicht nehmen, das Publikum persönlich von der Bühne aus zu begrüßen und seiner Freude über das Endlich-wieder-vor-Publikum-spielen-Können Ausdruck zu verleihen. Der angesetzte "Faust" war zwar bereits im Fernsehen präsentiert worden; doch ob das Wiener Publikum die Deutung von Frank Castorf goutieren würde, war im Vorfeld nicht klar.

Einige lautstarke Buhrufe mischten sich dann tatsächlich in den Schlussapplaus. Dabei funktioniert die Idee des deutschen Regisseurs, das Paris der Uraufführungszeit mit jenem der 1960er Jahre zusammenzuführen, blendend. Die Drehbühne von Aleksandar Denić ist eine hinreißende Kompaktversion von Paris; die Echtzeitkameras, die die Agierenden begleiten, erzeugen emotionale Tiefenschärfe. Anzumerken ist einzig, dass das Auge ob der optischen Fülle nach über drei Stunden ermüdet. Die inszenatorische Seite dominiert aber nur scheinbar Charles Gounods musikalische Schöpfung; unterm Strich ist es eine ausbalancierte Produktion.

Das Orchester spielte facettenreich unter Bertrand de Billy, der Staatsopernchor trat agil und sicher auf. Die Sängerschar agierte mit vollstem Einsatz: wunderbar Nicole Car als Marguerite mit funkelndem Sopran, ungemein markig Adam Palka als Mephisto, intensiv Étienne Dupuis als Valentin, eindringlich Michèle Losier als Siébel und schließlich der edel-elegante Juan Diego Flórez, der in der Titelrolle seine lyrischen Stärken auszuspielen vermochte.