Ein Neubeginn, dem ein gewisser Zauber innewohnt: Zum ersten Mal seit geschlagenen sieben Monaten betritt man ein Theater, muss sich allerdings an neue Rituale gewöhnen, FFP2-Maske im Gesicht, Testnachweis bei der Hand. Der Zuschauerraum ist den coronabedingten Abstandsregelungen wegen halbleer, dennoch kommt einem jede Menschenansammlung beinahe unwirklich vor.

"Heute Abend ist das Fräulein Julie wieder verrückt, total verrückt!" Mit unfreundlicher Charakterisierung der Protagonistin hebt August Strindbergs Drama "Fräulein Julie" im Wiener Akademietheater an. Diener Jean äußert sich gegenüber der Köchin Kristin abfällig über die Tochter des Grafen, die sich nicht an Standesgrenzen halten will, sich deshalb vor ihrem Gefolge lächerlich macht. Während sich der vertrauliche Dialog zwischen den Bediensteten entspinnt, gespickt mit Respektlosigkeiten und Alltäglichem - "Kannst du mir nun nicht etwas Gutes zu essen geben, Kristin?" -, sieht man auf der Bühne des Akademietheaters nur ein hell erleuchtetes, aber menschenleeres Bühnenbild.

Ohnmächtige Wut

In der Bühnenmitte errichtete Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt einen Kubus, in den hinein ein funktionsfähiges Badezimmer installiert ist - Strindberg sah als Spielort übrigens eine Küche vor. Jean und Kristin halten sich anfangs im Gang vor dem Badezimmer auf, den die Zuschauer nicht sehen können. Erst nach einer Weile huscht Sarah Viktoria Frick ins Bad und fängt gleich an, die Wanne zu putzen. Bald hält sie im Wischen inne, man hört eine weibliche Stimme, aufgedreht und schrill, nun belauscht man gemeinsam mit Frick den ersten Auftritt von Julie.

Der ungehörige Flirt zwischen der höheren Tochter und dem Dienstboten, ereignet sich hier hinter verschlossenen Altbautüren, die Körper von Jean und Julie nimmt man bestenfalls schemenhaft hinter den Glasscheiben der Tür wahr. Nicht jedes Wort ist zu verstehen, dafür erkennt man umso deutlicher die wachsende Anspannung und Unruhe an Frick alias Köchin Kristin. Frick wringt nur wortlos den Putzfetzen aus, aber man sieht ihr das Leid einer betrogenen Frau, die den Geliebten in flagranti erwischt und zum Schweigen verdammt ist, deutlich an. Ohnmächtige Wut. Große Schauspielkunst.

Regisseurin Mateja Koležnik geht bei ihrer Inszenierung dieser unstandesgemäßen Liaison, die Klassenunterschiede und Geschlechterkämpfe, Liebe und Lust verhandelt, durchaus ein Wagnis ein: Was bleibt von dem Stück, wenn Schlüsselszenen nicht gezeigt, allenfalls erahnt, wenn also gewisse Spielregeln des Theaters grundlegend hinterfragt werden?

Strindberg entwarf im Vorwort zu "Fräulein Julie" seinerzeit wegweisende Vorstellungen für ein naturalistisches Theater: Er bestimmte, dass es bei seinem visionären Theater darum gehen sollte, nicht durch Opulenz, sondern durch bewusste Reduktion die "Fantasie zu erregen, um das Fehlende zu ersetzen". Koležnik beabsichtigte in ihrer hyperrealistischen Inszenierung diesen Ansatz offenbar noch weiter voranzutreiben: Theoretisch nicht uninteressant, in der Praxis erweist sich das Bühnenversteckspiel jedoch nicht unbedingt als förderlich.

Trotz herausragender darstellerischer Leistungen mangelt es dem 70-minütigen Abend bald an Spannung und Rhythmus. Die Aufführung zerfällt, daran kann auch Burgtheater-Neuzugang Maresi Riegner, die nach allen Regeln der Kunst als Julie auf der Bühne zusammenbricht, wenig ändern. Itay Tiran hält sich als Jean wacker zwischen den Kontrahentinnen Frick als Kristin und Riegner als Julie.

"Fräulein Julie" zählt zu Strindbergs meistgespielten, aber kontrovers diskutierten Stücken. Bereits bei der Uraufführung 1889 empörten sich die Suffragetten über das darin kolportierte Frauenbild. Was vermag eine so liebestolle wie naive Adelige, die zu ihrem eigenen Leidwesen in den Diener ihres Vaters vernarrt ist, über heutige Geschlechterkampfzonen zu berichten? Regisseurin Koležnik bleibt eine Antwort schuldig. Schade.