Dass jedem Neubeginn ein Zauber innewohne, ist ein hübsches Dichterwort, hält der Realität aber leider nicht immer stand. Stimmt zwar: Als die Wiener Philharmoniker im Juni 2020 die erste Covid-Generalpause beendeten, griff im Musikverein eine Hochgestimmtheit Raum. Als die Volksoper nun aber nach der zweiten Lockdown-Etappe den Betrieb wieder aufnahm, lag eine unverhoffte Alltagsstimmung in der Luft. Das Publikum passierte die Corona-Kontrollen mit gewohnter Beiläufigkeit, das Stück steuerte ebenso routiniert auf sein Ende zu. Ein Wunder an Stimmungsmangel - nach mehr als einem halben Jahr Musiktheater-Entzug.

Doch das Manko hatte am Währinger Gürtel gute Gründe. Keine Menschenseele kennt heute noch den "Teufel auf Erden", und kaum einer wird diesem Operettenhelden nach der Premiere vom Mittwoch einen Ehrenplatz im Gedächtnis einräumen. Schade für Franz von Suppè, der hier zumindest den kritischen Witz eines Jacques Offenbach aufblitzen lässt: Ein paar Teufel sind aus der Unterwelt ausgebüchst und auf Erden in vermeintlichen Anstandsoasen untergetaucht. Ein Höllendetektiv spürt zwei dieser U-Boote mit viel Mühe in Kloster und Kaserne auf, scheitert aber im Theater kläglich.

Ein höllisches Schwätzchen vor dem Aufbruch zur Erde: Michael Havlicek (l.) und Robert Meyer. - © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Ein höllisches Schwätzchen vor dem Aufbruch zur Erde: Michael Havlicek (l.) und Robert Meyer. - © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Synchronfeixen

Regisseur Hinrich Horstkotte hat dies nun in typischer Volksopernmanier in Szene gesetzt: als historische Kostümklamotte mit ein paar grotesken Klecksen. Der bissige Humor ist da rasch beim Teufel, die Dialoge sind auf unterirdische Kalauer getrimmt: Redewendungen wie "Grüß Teufel" und "Zum Unwohl!" schwirren über die Höllenbühne; dazu setzt es Geisterbahnaussichten auf Pelzperchten, Schleimtöpfe und Verdammte aus älteren (Napoleon) und jüngeren ("Fake News!") Dekaden.

Dieser Hauch von Heutigkeit ist allerdings rasch vergessen, wenn der geflügelte Höllenknecht Ruprecht (Hausherr Robert Meyer) zur Suche die Erde des 17. Jahrhunderts heimsucht. Biedere Schauwerte und Schablonenfiguren dominieren eine Bühne, die von verzappelten Choreografien unter Strom gehalten wird. Da wird dann parademarschiert, parallelgebetet oder irgendwie synchrongefeixt - Hauptsache, es wuselt auf der Bühne, bis am Aktende ein Satansmigrant auffliegt. Ha!, hat der haarige Ruprecht zwei Höllenhörndeln enttarnt, just unter dem Schleier der Mutter Oberin.

Schlussendlich versagt der schwefelige Detektiv an der Volksoper aber nicht in einem Theater aus Suppès Zeiten. Alexander Kuchinka hat das Libretto radikal umgepflügt und zu einer Zeitreise umgemodelt, die im Heute endet: Ein Silberscheitel drillt in der, höhö, Tanzschule Höllmayer zickige Teenager. Allen Ernstes: Ein Walzer-Institut als Sinnbild für die Gegenwart? Geschenkt. Schwerer wiegt die Last der Wiederholung - dass nun schon zum dritten Mal Klischeefiguren um Lacher und auch Mitgefühl buhlen, das man lieber glaubwürdigen Charakteren vorbehält. "Lustig!!!" findet das zumindest noch Engel Rupert (Christian Graf). Der himmlische Begleiter durch die Jahrhunderte neigt, nebst dem Skandieren seines Lieblingsworts, vor allem dazu, bei der Erwähnung des Gottseibeiuns ein Glitzerwölkchen auszustoßen.

Mangelressource Stimme

War da noch etwas? Ja, Musik. Ein seltener, doch nicht schmerzlich vermisster Gast. Die Zwischenspiele, herzhaft dirigiert von Alfred Eschwé, vermitteln pauschale Hum-ta(-ta)-Heiterkeit ohne Ohrwurm-Melodien. Und leider: kein Stimmgold weit und breit. Gewiss, die Unverständlichkeit des maskierten Chors ist im Covid-Kontext hinzunehmen; die geringe Treffsicherheit der Solisten (abgesehen von Theresa Dax und Johanna Arrouas) aber kaum. Immerhin: Marco Di Sapia liefert als Oberschwester eine Travestie nach Monty-Python-Manier; und Meyer hat sich als Höllenknecht eine neue Spielwiese für seine Nestroy-Fähigkeiten aufgetan und setzt dem Abend letztlich als Coupletsänger ein einsames Glanzlicht auf: ein Pyrrhussieg für den Hausherren.