Wie reißt man dem Publikum schon zu Beginn den Beifall aus den Händen? Die Lösung ist bestürzend einfach – es reicht dafür eine Übertitel-Anlage, die das Wort "Applaus" einblendet. Am besten gleich mehrfach und mit drei Rufzeichen hintendran, wie am vorigen Freitag bei den Salzburger Pfingstfestspielen im Haus für Mozart. "Applaus!!!" also zu Beginn von Georg Friedrich Händels "Il trionfo del Tempo e del Disinganno".

Die Aufforderung hatte freilich ihren Hintersinn. Regisseur Robert Carsen hat den Anfang das Oratoriums zu einer Model-Castingshow aufgebrezelt und dem Publikum dabei die Rolle des Jubelvolks zugewiesen. Ein Video, riesenhaft auf die Bühne projiziert, stimmt während der Ouvertüre auf den letzten Showdown der TV-Schönheiten ein: Die Kandidaten von "The World’s Next Topmodel" sind zum Staffel-Finale nach Salzburg gekommen, stählen sich vor der Kamera im Gym, hechten ins Hallenbad, schlendern kunstsinnig durch das Museum der Moderne. Natürlich alles nur Geplänkel bis zum letzten Ratschluss der Jurygötter: Du!, deutet schließlich ein Finger auf eine Blondine. Die wird vom großen Glücksrausch übermannt: Ein Hochglanzleben in Ruhm und Reichtum scheint zu winken. Schon lockt auch eine Jurorin mit einem Vertrag – und dem Versprechen ewiger Vergnügungen.

Bittere Pille Vergänglichkeit

Dieses Werben passt wie angegossen zu Händels Allegorien-Spiel von 1707, in dem zwei Parteien um die junge Bellezza (zu Deutsch: Schönheit) buhlen: Auf der einen Seite Frau Piacere (Vergnügen), die ein Glitzerleben am Oberflächenlack des Daseins anpreist. Auf der anderen Seite die Herrn Tempo (Zeit) und Disinganno (Erkenntnis), die im Gewand eines Priesters und eines Intellektuellen die Werbetrommel für eine unbequeme Wahrheit rühren: Dass Jugendfrische eines Tages verblüht und es darum höhere Lebensziele anzupeilen gilt. Eine bittere Pille, die Bellezza anfangs verschmäht: Statt sich von einer Schock-Demonstration Tempos läutern zu lassen (junge Körper färben sich dabei leichenfahl), wendet sie sich lieber dem Vergnügungspark von Madama Piacere zu. Die schmeißt eine Disco-Party samt Sekt, Koks und feschem DJ. Blendungsangebote, die im schmalen Haus für Mozart opulent Raum greifen: Der Glamour von Ausstatter Gideon Davey, fulminant ausgeleuchtet, wirkt gleichermaßen schick und üppig, die Choreografien von Rebecca Howell vermählen Disco-Pep mit klassischen Hebefiguren, und die Film-Projektionen (rocafilm) bringen charismatische Bilder ein, ohne den Sehnerv zu übersättigen.

Doch trotz dieser Verführungspalette: Beim Casting der Lebenskonzepte rund um Bellezza werden schließlich die Herren Tempo und Disinganno obsiegen. Je näher die 150 pausenlosen Minuten diesem Triumph des Geistigen kommen, desto mehr dünnen sich die Schauwerte aus. Am Ende verabschiedet sich eine geläuterte Bellezza von einer gänzlich leer geräumten Bühne. Ihre Arie ist ebenfalls allen Prunks entkleidet und schwebt sanft an der Hörschwelle entlang – in stiller Größe.

Musik und Theater in Feinabstimmung

Überhaupt sind Musik und Theater an diesem Abend fein aufeinander abgestimmt: Das Schauspiel orientiert sich sekundensynchron an Orchestereinsätzen; Dirigent Gianluca Capuano wiederum reichert die Szene mit suggestiven Klangfarben an, vom fahlen Totengrau bis zum schillernden Tanzrhythmus. Chapeau: Die Musiciens du Prince-Monaco (wiewohl anfangs kleinlaut anzuhören) brillieren mit federleichter Wendigkeit.

Letzteres gilt auch für Cecilia Bartoli, die dem Vergnügen (trotz kleiner Defizite in der Höhenlage) ein quirliges Sprachrohr verleiht. Die Hauptrolle überlässt die Festivalchefin zwar diesmal einer anderen, hat aber das sanfte Arien-Trumpfass des Abends im Ärmel ("Lascia la spina") und gereicht es mit eisschmelzender Warmherzigkeit. Mélissa Petit singt sich nach anfänglicher Beklommenheit frei: Der Sopran dieser Bellezza, schmal, schnell und akzentstark, durchwebt Händels Stimmengeflecht wie ein markanter Faden und weiß vor allem im gedeckelten Lautstärkenbereich Intensität zu entfalten. Und die Herren? Die Erkenntnis erhält in Counter Lawrence Zazzo einen glockenreinen Fürsprecher, die Zeit in Tenor Charles Workman eine herzhafte und (weitgehend) profunde Stimme – auch dafür letztendlich voller Beifall aus den Schachbrett-artig besetzten Reihen. Wäre zu wünschen, dass der Reprise dieses Abends bei den Sommerfestspielen mehr Publikum vergönnt ist.