Eins muss man der jüngsten "Jagdgesellschaft"-Inszenierung am Akademietheater lassen: So hat man ein Stück von Thomas Bernhard noch nie auf der Bühne gesehen!

Die Figuren tragen ausnahmslos pornorote, latexglänzende Kostüme, die man historisch am ehesten dem 17. Jahrhundert zuordnen würde. Die Männer sehen mit Rüschenhemden, Schluppenkragen und Strumpfhosen aus wie d’Artagnan und seine Musketiere, die Frauen sind in gigantische Reifröcke gezwängt, allesamt tragen sie schwarze Langhaarperücken, dem Holzknecht Asamer (Jan Bülow) wurden Handschuhe verpasst, die an Edward mit den Scherenhänden erinnern, die Köchin Anna (Dunja Sowinetz) wurde von Kostümbildnerin Laura Kirst noch mit einer Augenklappe ausgestattet.

Alles nur Pose? Maria Happel, Markus Scheumann. - © Hassler-Smith
Alles nur Pose? Maria Happel, Markus Scheumann. - © Hassler-Smith

Simple Metapher

Für dieses absurde Figurenarsenal hat Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert ein mehrstöckiges, zum Publikum hin offenes Haus in den Bühnenraum des Akademietheaters hineingebaut. In der Mitte der Konstruktion befindet sich ein großer Wohnsalon, vollgeräumt mit antiken Möbeln, einem Flügel und einem Latex-Sofa, darum gruppieren sich vier Nebenräume, wie Bad und Küche, die zum Teil simultan bespielt werden. Die Szenerie ist nahezu während der gesamten zweistündigen Aufführung in grelles Rot getaucht. Wohin das Auge auch blickt, es sieht rot, rot, rot. Mit solchen simplen Metaphern muss man sich an diesem Abend schon zufriedengeben.

Die Figuren in Thomas Bernhards "Die Jagdgesellschaft" sind lebensmüde in einer zerrütteten Welt und nehmen den drohenden Untergang ihrer Gesellschaft, wie der am grauen Star leidende General, buchstäblich nicht wahr. Der Schriftsteller, Außenseiter in der Jagdgesellschaft, sieht das Unheil zwar, aber sobald er es anspricht, gilt er als Spielverderber. 1974 am Burgtheater von Claus Peymann uraufgeführt, zählt das abgründige Gesellschaftspanorama zu Bernhards bekanntesten und meistgespielten Stücken, der Autor selbst bezeichnete es mehrmals als eines der gelungensten seiner Dramen.

Was hat nun die karnevaleske Ausstattung am Akademietheater mit dem tiefsinnigen Stück zu tun? Rein gar nichts. Und das wohl mit allerbester Absicht. Regisseurin Lucia Bihler positioniert sich mit ihrer formbewussten Inszenierung diametral zur herkömmlichen Bernhard-Rezeption. Üblicherweise werden seine Texte in einem naturalistischen Ambiente möglichst textgetreu wiedergegeben.

Hasen streicheln

Bihler geht die Sache grundlegend anders an: Sie schwört das siebenköpfige Ensemble auf einen artifiziellen Spielstil ein, die Akteure bewegen sich teilweise wie Marionetten, Prinz und Prinzessin trippeln als Balletttänzer über die Bühne, die Zwillinge werden von Sängerknaben dargestellt.

Dieser überhöhte inszenatorische Zugriff, der geradezu albtraumhafte Bilder entwirft, erinnert an den Umgang mit postdramatischen Stücken, die häufig assoziativ strukturiert sind. Doch Bernhards Stücke sind konkret. Die Figuren und ihre Zustände sind historisch exakt verortet. Inhalt und Form passen hier einfach nicht zusammen, mit dem bitteren Ergebnis, dass die Dialoge keinen Sinn mehr ergeben.

Selbst ein Bernhard-erprobter Akteur wie Martin Schwab, der als General auftritt, kommt einem nur makaber vor, Maria Happel wirkt als Generalin unfreiwillig komisch und Markus Scheumann als Schriftsteller ziemlich verloren. Was die lebenden, weißen Hasen mit all dem zu tun haben, ist nur eine von vielen offenen Fragen dieser enigmatischen Aufführung, die einen nur mit einer Gewissheit zurücklässt: Eine Bernhard-Neudeutung steht noch aus.