Die Anbahnung dieses Liebesrauschs geht eindeutig von der Frau aus: Ein Annäherungsversuch führt dazu, dass ihre rechte Handfläche die seine berührt. Vorsichtig, zaghaft. Aber dieses In-Kontakt-Treten löst eine mitreißende Gefühlswelle aus, die über das weitere Schicksal der beiden Titelfiguren entscheidet. Sie werden zu Tristan und Isolde, zu Richard und Mathilde. Die vom Theater an der Wien in der Kammeroper gezeigte Version von Richard Wagners Musikdrama "Tristan und Isolde" fesselt von der ersten bis zur letzten Minute.

Günther Groissböck hat als treibende Kraft dieses "Tristan Experiments" Erfolg auf ganzer Linie. Wer wagt, gewinnt. Hier gleich in mehrerer Hinsicht: Die von Groissböck und Hartmut Keil erstellte Fassung funktioniert blendend. Matthias Wegeles Arrangement für Kammerorchester changiert zwischen leidenschaftlicher Sattheit und einsamer Dürre. Eine kleine Streicherbesetzung (sehr gut die Celli), eine Trompete, eine Posaune, Horn, Oboe, Englischhorn, Klarinette, Fagott, Flöte und ein vor allem beim Gesamtklang mitmischendes Akkordeon. Kein Klavier, keine Harfe. Richard Wagners pralle Partitur passt in der Realisierung durch die gut 20 Musizierenden des Wiener Kammerorchesters wie angegossen in die Kammeroper. Am Dirigentenpult führte Hartmut Keil stringent und angenehm zügig durch den Abend. Aus den originalen vier Stunden wurden drei destilliert. Die immense Intensität der gewonnenen Essenz fordert und beschenkt das Publikum gleichermaßen. "Corona-gesetzt ausverkauft", verkündete Theater-an-der-Wien-Intendant Roland Geyer am Mittwoch vor Vorstellungsbeginn.

Groissböck, weltweit gefeierter und begehrter Bass, gab mit dieser Produktion sein Regiedebüt. Er folgt den Pfaden von Herz und Hirn, macht Tristan und Isolde zu Probanden in einer Versuchsanstalt, deren Leiter in Gestalt von König Marke auftritt. Der Liebestrank ist aus dem Blut der Liebenden gemischt. Sie verwandeln sich, der Entstehungsgeschichte der Oper Rechnung tragend, auch in den Komponisten und seine Angebetete Mathilde Wesendonck (Kostüme: Stefanie Seitz).

Der Bühnenraum ist schmucklos, fast aseptisch: Ein sich nach hinten verjüngender Trichter, dem durch die optisch ansprechenden und klug eingesetzten Videoinstallationen von Philipp Batereau und das starke Lichtdesign von Franz Tscheck Atmosphäre, Natur und Leben eingehaucht werden. In diesem Rahmen liefen Kristiane Kaiser und Norbert Ernst zur Höchstform auf. Beide verkörperten die fordernden Titelpartien mit stimmlicher Bravour und eindringlicher Ausdruckskraft: ein packendes Kammerspiel. Kaiser sang eine schlicht famose Isolde mit nie versiegenden Kraftreserven. Ernst beeindruckte - wie so oft - mit seiner sprachlich differenzierten Textgestaltung. Stark Kristján Jóhannesson als Kurwenal und Melot. Juliette Mars gelang es, sich als Brangäne im Lauf des Abends zunehmend frei zu singen. Als König Marke kam Groissböck auch auf der Bühne zum Einsatz, mit einer stets aufs Neue verblüffenden Fokussiertheit und Spannkraft. Unbedingt hingehen!