Für das Volkstheater ist, zynisch gesagt, die Pandemie ganz günstig gefallen. So konnte - im Unterschied zum Burgtheater, das ja jetzt erst mit dem Umbau beginnt - das Haus unter der neuen Leitung nach erfolgter Renovierung nun das Lockdown-Ende mit der "echten" Wiedereröffnung feiern. Direktor Kay Voges ging kein großes Risiko ein und stellte eine Erfolgsproduktion aus seiner Zeit in Dortmund auf den Spielplan: "Der Theatermacher" von Thomas Bernhard.

Zu Beginn dieser Inszenierung - nachdem die ersten Takte des Gefangenenchors aus "Nabucco" den Vorhang schleppend aufgezogen haben - wiegt sich der traditionelle Bernhard-Rezipient in Sicherheit: Andreas Beck gibt einen Bruscon, wie man ihn erwartet, mit Furor, Schauspielwucht und Fritattensuppenhunger. Die Bühne (Daniel Roskamp) hat sogar ein paar Notlichter, die ihn enervieren, seine antitalentierten Kinder fürchten zu Recht seine Gewalt, sein Ekel über Utzbach, diese "Strafe Gottes", quillt aus ihm. Uwe Rohbeck steht als Wirt meist wissend ins Publikum grinsend daneben. Das könnte einen schon stutzig machen. Auch das Zahlenband über der Bühne, in dem ein roter Einser leuchtet - und noch Zahlen bis neun warten.

Anke Zillich als bedrohlicher Vocoder-Bruscon - die Hölle in Blau. (Hintergrund: Uwe Rohbeck). - © Nikolaus Ostermann
Anke Zillich als bedrohlicher Vocoder-Bruscon - die Hölle in Blau. (Hintergrund: Uwe Rohbeck). - © Nikolaus Ostermann

Konventionalitätsfalle

Nach rund einer Stunde wohliger Progressiv-Konventionalität schlägt der Blitz mit Nabucco-Akkord ein wie in die Buche von Gaspoltshofen, die den Feuerwehrhauptmann, diesen lächerlichen Machtmenschen und Notlicht-Nebochanten, die Familie gekostet hat. Und das Stück beginnt einfach noch einmal von vorn. Beck rast nun durch die Bernhardschen Wortgebirge, gut, dass man ja schon von vorher weiß, was er sagt. Es gibt kleine Abänderungen in der Optik, das Hitlerbild ist nun ein Stalinbild, Spinoza wird zu Ernst Jünger, die Tochter hat nun größere Tupfen am roten Kleid, der Sohn breitere Streifen am Shirt (Kostüme: Mona Ulrich). Und einen zweiten Gipsarm ("diese lächerliche Behinderung"). Es ist ein bisschen wie beim Gaslighting, in dem man mit minimalen heimlichen Veränderungen seinen Partner dazu bringt, dass er denkt, er sei verrückt geworden. Und der Partner ist hier das Publikum, das nun auch härtere Bandagen entgegennimmt. Zum einen wird Utzbach zu Fotzbach, zum anderen ziehen aktuelle Anspielungen ein: Der geprobte Text wird eingekürzt und Metternich fällt Anschober zum Opfer, der Satz, der bleiben darf, ist: "Die nächsten 14 Tage werden entscheidend sein."

Der Nabucco-Blitz wird noch mehrmals einschlagen, die Radikalisierung wird immer weiter voranschreiten. Den Theatermacher wird jeder aus dem Ensemble mindestens einmal selbst gespielt haben. Rohbeck mit monotoner ironischer Distanz, Nick Romeo Reimann als geföhnter Schlager-Mephisto mit Dieter-Bohlen-DSDS-Zitaten. Anke Zillich steigert sich von Bruscons hustender Frau zu einem wahrlich bedrohlichen Impresario. Ganz entgegen der Aussage, dass Frauen anders als Männer sich am Theater nicht in die Hölle begeben, ist Zillich mit verfremdeter Stimme hier sozusagen die Hölle - in Blaulicht. Unter ihrer Knute ist der ehemalige Tyrann im Spitalshemd blutwurstblutbesudelt ein Häufchen Elend. Anna Rieser ist der letzte Theatermacher, die absolute Abstraktion: Sie schreit in Punk-Attitüde, zerfetzten Netzstrümpfen und mit schwarz überklebten Brustwarzen ihre Anklage gegen ein zerstörtes Theater - mit FFP2-Maske sogar kurz im Zuschauerraum. Und der Rest des Ensembles wandelt sich im Hintergrund von Yayoi-Kusama-haften Pippi-Langstrümpfen zu Hitler-Klonen im Tütü.

Naturgemäße Wiederholung

Die Wiederholung, die immer wieder Neues bringt, ist eine nachgerade naturgemäße Versinnbildlichung für einen Text von Thomas Bernhard. Voges gelingt es aber, dass Pointen fast nie wiederholt werden, der Einfallsreichtum ist beachtlich. Er bricht mit den Erwartungen, die nicht wenig von der Peymann-Tradition zementiert wurden. Der Schlagbohrer, der diesen Zement aufraut, ist zwar schon sehr laut, aber auch unterhaltsam. Und vor allem gelingt es, das Spiel im Theaterspiel in den Vordergrund zu holen. Für regelmäßige Theatergeher kommt noch das Vergnügen über eine heitere Abrechnung mit dem Versatzstück-Regietheater dazu - von der Veralberung bis zur Zertrümmerung. Und natürlich Nazis. Nazis überall. Trotz der wilden Schauwerte steht der Text hier immer im Mittelpunkt. "Halbherzigkeit ist der Tod des Theaters", diese Klage Bruscons, sie ist hier jedenfalls unzutreffend.