In der Vorwoche noch ein haariger Teufel, seit Donnerstag der freundliche Märchenonkel: Die Volksoper presst vier Premieren in das schmale Zeitfenster zwischen Ende Mai und Sommer, und Direktor Robert Meyer packt dabei selbst kräftig mit an. Nach dem Höllenknecht in Suppès "Teufel auf Erden" mimt er nun den schelmischen Erzähler in Stephen Sondheims "Into the Woods" - und reüssiert an diesem ungleich spaßigeren Abend nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Direktor. Sondheims Musical wirkt so leichthändig geschrieben, wie es an der Volksoper inszeniert ist, und kann sich hier nicht nur sehen, sondern auch hören lassen dank einer starken Besetzung und einer agilen Orchesterleistung (Dirigent: Wolfram-Maria Märtig).

Dickicht auf, Dickicht zu

Zugegeben - seinen größten Triumph verbuchte Sondheim wohl als Songtexter für Leonard Bernsteins Geniestreich "West Side Story". Mit "Into the Woods" hat er gleichwohl eine entzückende Musical-Attraktion geschaffen. 1987 in New York uraufgeführt und 2014 verfilmt, verwebt die Komödie diverse Märchen-Handlungsfäden zum bunten Patchwork in einer Rahmenhandlung. Ein Bäckerpaar ist wegen eines Fluchs kinderlos geblieben, und diese unerwünschte Verhütung lässt sich nur durch die fristgerechte Übergabe einiger Dinge an eine Hexe aufheben - Gegenstände, die sich im Besitz von Aschenputtel, Rotkäppchen, Rapunzel und Co befinden.

Die folgende Schnitzeljagd erlahmt deshalb nicht, weil sie auf die altbewährte Tür-auf-Tür-zu-Methode setzt, oder hier besser gesagt: Dickicht-auf-Dickicht-zu. Die Figuren verschwinden ebenso schnell im Wald, wie sie daraus hervorgetreten sind. Die fließenden Wechsel zwischen Melodram, Sprechgesang und Song bürgen zugleich dafür, dass das Ohr auf Trab gehalten wird. Mag zwar sein, dass am Ende nur eine Hookline hängen bleibt ("Ab in den Wald", tatam, tatam). Dennoch kitzeln die federnden Rhythmen hübsch die Gehörgänge. Mag ebenfalls sein, dass der zweite Akt nicht ganz Niveau hält, dass er erst allmählich Fahrt aufnimmt nach dem Zornanfall einer kurzsichtigen Riesin (Stimme: Erika Pluhar). Aber dafür schlägt dieses (Erwachsenen-)Märchen bis zum Happy End noch ein paar unverhoffte Handlungshaken - samt einem Schäferstündchen der Bäckerin mit einem verehelichten Prinzen. Was im Wald passiert, das bleibt auch im Wald! Oder sollte es jedenfalls.

Nein, da läutet nicht der Prinz: Die Bäckerin (Julia Koci) reißt sich eine Rapunzel-Strähne (Lauren Urquhart) ab. - © Volksoper / Pálffy
Nein, da läutet nicht der Prinz: Die Bäckerin (Julia Koci) reißt sich eine Rapunzel-Strähne (Lauren Urquhart) ab. - © Volksoper / Pálffy

Live macht dieses Treiben beste Figur, weil die Regie (Olivier Tambosi und Simon Eichenberger) klassische Schauwerte mit ironischen Beigaben mengen: Aschenputtels Halbschwestern sind neongelb bestrumpft, Livrierte schreiten in Ringelsocken daher (Kostüme: Lena Weikhard), und Rotkäppchens Wolf (fulminant: Drew Sarich) erweist sich auch in einem moralischen Sinne als Gefährder: Der Unhold enthüllt unter seinem Trenchcoat lange Lackstiefel und reichlich Eigenpelz, während er von Angesicht zu "Angesicht mit dem Abendessen spricht" (pfiffige Übersetzung: Michael Kunze). Die Bühne (Frank Philipp Schlößmann) bietet bald Backstube, Palast, Turm und Waldlichtung Raum, ohne die Orte bürokratisch auszubuchstabieren: Da wird manch ein Requisit wie ein Aufklappbuch entfaltet, da lassen sich Stangen als Bohnenranken oder Bäume deutet, da tschilpen Vogelpuppen possierlich an Drähten.

Auch die Darsteller bürgen für Märchenmagie mit Augenzwinkern: Allen voran Bettina Mönch als Hexe mit Musical-Power, die textdeutliche Julia Koci als resche Bäckerin, Juliette Khalil als rührendes bis rabiates Rotkäppchen und Laura Friedrich Tejero als Aschenputtel, das einem Schaumschläger-Prinzen (Sarich) auf den Leim gegangen ist. Letztlich Jubel an der Volksoper, die mangels Kartenverkauf-Vorlaufs eher spärlich besucht war - dafür aber SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner begrüßen durfte, die wohl vor allem eine Zeile goutiert hat: "Ich habe dich gewarnt, dich auf die Regierung zu verlassen, wenn es um die Lösung deiner Probleme geht."