In der aktuellen Eigenproduktion des TAG "Ich, Galileo" blendet Regisseur Gernot Plass, bekannt für seine rasant-pointierten Klassikerüberschreibungen, weit zurück in die Geschichte der falschen Lehren und brisanten Fakten.

Vom ersten Multiscreen-Moment seiner im reduzierten Setting einer von Kleiderstange und Stuhl flankierten einsamen Kühlbox eingebetteten Inszenierung macht er deutlich: Die sauer in die Zeit der Gegenreformation eingelegte historische Analogie über die großen Fragen unserer Welt ist auch ein langer, in Jambenmaß getauchter Kommentar zur gegenwärtigen Situation.

Das mitten im ersten Lockdown begonnene "jargongeschwängerte" (Plass) Stück über einstige und aktuelle Wissenschafts- und Wahrheitsdebatten, das von Georg Schubert, der an diesem Abend fast alle Rollen übernimmt, virtuos bis zum letzten Aufschrei skandiert wird, setzt bei Galileis "Discorsi" an, lenkt den Blick jedoch weit in die heutige Welt der YouTuber, Late Night Shows und Leitmedien.

"G" kreist lang mal wortmächtiger, mal kleinlauter durch die Echoräume seiner vielstimmigen Innenkopfwelten, die auch die Dimension eines Smartphone-Displays annehmen. Der Bogen strapaziert 85 düstere Minuten lang nicht nur die Kraft des Solisten: Am Ende reißt dem "Verlierer G", zugleich Galileo und dessen Gedankenschlächter, Figur und Darsteller, die Geduld ebenso wie der Zitatenreigen. Was bleibt, ist einzig noch der Autor - Plass als auf allen vier Videoscreens projizierter "Satan": das bittere Ende eines überdichten Textgewitters.