Alle stehen allen gegenüber und schreien sich an", mit diesem Zitat aus Elfriede Jelineks jüngstem Stück "Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen" beginnt Burgtheater-Direktor Martin Kušej seine Spielplan-Präsentation für die Saison 2021/22. Das Stück bezieht sich nicht primär auf die Pandemie, eigne sich aber als Gegenwartsdiagnose, so Kušej. Mit dieser programmatischen Uraufführung, in der Regie von Altmeister Frank Castorf, wird am 4. September die Spielzeit am Akademietheater eröffnet, am 18. September folgt übrigens Castorfs zweiter Streich: Peter Handkes "Zdeněk Adamec" am Burgtheater. Nächster Höhepunkt im Eröffnungsreigen dürfte Simon Stones Gorki-Neudeutung "Komplizen" sein, ab 26. September am Burgtheater.

Intendant Kušej setzt den Eröffnungsreigen am 5. September mit "Maria Stuart" am Burgtheater fort, die Aufführung mit Bibiana Beglau und Birgit Minichmayr in den Hauptrollen wird erstmals bei den Salzburger Festspielen gezeigt. Mit Sartres "Geschlossene Gesellschaft" bringt der Hausherr im November eine weitere Inszenierung am Burgtheater heraus.

"Haus der Dramatik"

Die Spielzeit 2021/22 sprengt mit 29 Premieren sämtliche Rekorde. Kušej: "Wir haben Nachholbedarf und wollen wieder mit voller Power spielen." Einige davon, wie Johan Simons "Richard II.", waren für die laufende Saison geplant und wurden aufgrund des Lockdowns in die nächste geschoben, manche Vorhaben, wie ein Auftragswerk an Katie Mitchell, mussten leider ganz gestrichen werden, wiederum andere Projekte werden in späteren Spielzeiten nachgezogen. "Wir wollten nicht alles aufeinanderstapeln", so der kaufmännische Geschäftsführer Robert Beutler beim Pressegespräch.

14 Regisseurinnen und 13 Regisseure aus zwölf Nationen werden den Mammut-Spielplan stemmen, damit knüpft Kušej erneut an sein Vorhaben interkultureller Zusammenarbeit an. Mehr als die Hälfte der Aufführungen sind zeitgenössische Texte, Umschreibungen und Wiederentdeckungen wie Marianne Fritz’ Roman "Die Schwerkraft der Verhältnisse", ab Dezember im Akademietheater zu sehen. "Wir sehen uns als Haus der Dramatik, schätzen die Auseinandersetzung mit Erzählungen", formuliert Kušej.

Mit "Die Troerinnen" steht auch ein antikes Drama auf dem Spielplan, die australische Regisseurin Adena Jacobs gibt im April 2022 mit Euripides’ Werk ihr Wien-Debüt. Mateja Kolžnik zeigt "In Agonie", ein Stück des bedeutenden kroatischen Autors Miroslav Krleza. Der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert Shakespeares "Der Sturm" - und man darf auf Johan Simons’ Interpretation von "Geschichten aus dem Wiener Wald" gespannt sein. Der Theaterherbst kann kommen.