Nachdem die Pandemie seine erste Saison in einen "Scherbenhaufen" verwandelt hatte, geht Staatsoperndirektor Bogdan Roščić angesichts sinkender Corona-Zahlen "voller Optimismus" in die nächste. Das Haus verkauft für die kommende Spielzeit wieder 100 Prozent seiner Tickets und wuchtet fünf Premieren auf die Bühne, kündigte der Hausherr am Mittwoch an. Im Gegensatz zu Roščićs erster Saison (die für eine flotte Repertoire-Erneuerung auch Produktionen aus dem Ausland importierte) debütieren 2021/22 nur Neuinszenierungen. TV-Übertragungen werde es weiterhin geben - doch deutlich seltener als während der Lockdowns, als das Ensemble vor leeren Reihen für die ORF-Kameras spielte und so ein Millionenpublikum erreichte.

Den Premierenreigen eröffnet am 28. September "Il barbiere di Siviglia". Theatermann Herbert Fritsch, in Deutschland für seine körperintensive Komödiantik gefeiert, wird den Rossini-Hit in Szene setzen, Juan Diego Flórez den Grafen mimen. Am 5. Dezember fällt dann mit "Don Giovanni" der Startschuss für einen Mozart/Da-Ponte-Zyklus. Optisch werde sich kein roter Faden durch die drei Regiearbeiten von Barrie Kosky ziehen; musikalisch legt Roščić aber Wert auf Kohärenz - und zwar in Form eines Sängerteams, das im Lauf der drei Produktionen "einen verbindlicheren Mozartklang erarbeiten" soll.

Alban Bergs "Wozzeck", zuletzt von Adolf Dresen 1987 inszeniert, wird in die Hände des bildmächtigen Werkdeuters Simon Stone gelegt; Christian Gerhaher schlüpft in die geschundene Haut des Protagonisten, Musikdirektor Philippe Jordan leitet die Abende (ab 21. März 2022). Wiens Wagnerianer wiederum erwartet die Wiederkehr von "Parsifal", "Holländer", zwei "Ring"-Durchläufe (ab 4. Mai 2022) sowie eine Premiere: Tristan und Isolde werden ihre Sehnsüchte in einer Regie Calixto Bieitos ausleben (ab 14. April), im Graben werkt wieder der Musikdirektor.

Und: Nach der "Incoronazione di Poppea" vom Mai gelangt Claudio Monteverdi abermals zu Premieren-Ehren. Der Engländer Tom Morris wird "L’Orfeo" in Szene setzen, der Concentus Musicus unter der Leitung von Pablo Heras-Casado für Originalklang bürgen (11. Juni). Zum Abschluss dann noch eine Extraportion Glamour: Cecilia Bartoli bestreitet ihr spätes, dafür umso opulenteres Hausdebüt und erinnert in einer ausgedehnten Residenz (28. Juni bis 8. Juli 2022) an das Wiener "Rossini-Fieber" vor exakt 200 Jahren. Begleitet von den Musiciens du Prince-Monaco, wirbelt die Römerin nicht nur durch "La Cenerentola" und "Il Turco in Italia", sondern firmiert auch als Kraftzentrum einer abschließenden Rossini-Gala.

Darüber hinaus sieht die Saison das Adieu zweier Legenden: Plácido Domingo, im Jänner 2021 als Staatsopern-Nabucco tätig, aber damals nur aus der TV-Ferne zu besichtigen, wird die Rolle am 12. November vor (hoffentlich) leibhaftigem Publikum singen und sich drei Tage später mit einem Zarzuela-Abend verabschieden; am 14. September ist eine Farewell-Gala für José Carreras angesetzt.

Zielgruppe Jugend

Ebenso inbrünstig umwirbt das Haus das Nachwuchspublikum. Die Zielgruppe "U27" darf künftig nicht nur in Generalproben Blut lecken: Jugendliche erhalten auch billige Karten fürs Repertoire; das "Opernlabor" in der Brotfabrik versucht, juvenile Geister mit hippen Projekten anzusprechen, und für die Kinder gibt’s unter anderem die (zuletzt Corona-bedingt abgesagte) Premiere "Die Entführung ins Zauberreich" am 3. Oktober.

Finanziell scheint das Haus glimpflich durch die Krise geschlittert zu sein: Die Saison werde - dank Kurzarbeit und Sonderunterstützung - mit einem geringeren Minus enden als erwartet, sagt die kaufmännische Leiterin Petra Bohuslav. Durch die Auflösung von Rücklagen werde man letztlich ausgeglichen bilanzieren können. Apropos Budget: Das sieht für die nächste Saison auch wieder ein lukratives Event vor, nämlich den Opernball. "Ich gehe davon aus, dass er stattfindet", sagt Roščić, "und freue mich darauf, ihn aus erster Hand kennenzulernen."