Becketts "Endspiel" erscheint so gegenwärtig, als ob es erst gestern geschrieben worden wäre. Das verheißt nichts Gutes über den Zustand der Welt, aber bestätigt einmal mehr die Meisterschaft des 1989 verstorbenen irischen Dichters.

"Endspiel" erzählt davon, dass vier Menschen ihre klaustrophobische Unterkunft nicht verlassen können, weil außerhalb der vier Wände Gefahr droht, sie sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, vertreiben sich die Zeit mit sinnentleerten Ritualen und fundamentalen Kränkungen. Was ist bloß los? Wozu das alles?

Scheingefechte: (v.l.) Uwe Schmieder, Frank Genser. - © N. Ostermann
Scheingefechte: (v.l.) Uwe Schmieder, Frank Genser. - © N. Ostermann

Existenzielle Fragen flankieren das Stück seit der Uraufführung 1957, die Deutungsversuche sind legendär, selbst ein Philosoph wie Adorno bekannte: "Es verstehen kann nichts anderes heißen, als seine Unverständlichkeit verstehen." Becketts "Endspiel" ist ein enigmatisches Meisterwerk, für viele Kritiker eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts. Gemessen an seiner Relevanz, wird es indes erstaunlich selten gespielt. Nun ist es am Volkstheater zu sehen. Neo-Intendant Kay Voges zeigt eine Übernahme aus seiner vorigen Wirkungsstätte, "Endspiel" feierte im Schauspiel Dortmund 2012 Premiere und kam bei Publikum wie Kritik gleichermaßen gut an.

Rollstuhl-König

Voges dampft das Vier-Personen-Stück auf zwei Protagonisten ein. Die Elternfiguren Nagg und Nell sind ersatzlos gestrichen, bei Beckett sind sie zu einem Dasein in der Mülltonne verdammt und heizen das abgrundtiefe Spiel mit bissigen Kommentaren auf. Bei Voges konzentriert sich die Handlung nun ganz auf die Beziehung zwischen dem erblindeten Hamm (Uwe Schmieder), der von seinem Rollstuhl aus, einem König gleich, die Szenerie beherrscht und dessen Diener Clov (Frank Genser). Die beiden nennen einander hier übrigens Lum und Purl, so heißen Figuren aus Wolfram Lotz Stück "Einige Nachrichten an das All", auch einige Lotz-Textfragmente schlüpfen in Voges’ Inszenierung. Das Stück bricht durch die massiven Eingriffe und refrainartigen Wiederholungen zwar nicht zusammen, aber da sich alles nur mehr um die Paarkonstellation dreht, büßt es doch an Schärfe und Schmerz ein. Regisseur Voges hat bei Beckett keine Berührungsängste, das betrifft nicht nur die Textfassung, sondern auch die slapsticklastige Spielweise. Häufig wird Beckett bierernst, geradezu elegisch inszeniert, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Absurder Witz? Situationskomik? Befreiendes Auflachen? Perdu!

Ganz anders geht Voges die Sache an: In die weitläufige Bühne des Volkstheaters ließ Bühnenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch eine kompakte Guckkastenbühne bauen, deren vier Wände vollkommen schwarz sind, die Requisiten - Fenster, Heizkörper, Bilder - sind mit weißer Kreide aufgemalt, auch die Kostüme von Mona Ulrich sind schwarz-weiß und erinnern an die Ära der Stummfilme; Beckett war bekanntlich ein Fan von Buster Keaton und dessen stoisch, tiefgründiger Komik.

Unter Witzfiguren

In Voges Inszenierung ist der Witz eher vordergründig. Kaum eine Szene kommt ohne Slapstick aus, gewitzte Toneffekte setzen der Komik noch eins drauf, Genser stampft mit mächtigen Plateauschuhen durch die Szenerie und erinnert an Monty Pythons Silly Walks. Der Mensch als Witzfigur, diesen Aspekt von Becketts Schaffen vermag Voges auf die Bühne zu bringen, vielleicht schon zu forciert und überdeutlich. Vieles andere bleibt indes ungesagt. Die besten Momente hat die 90-minütige Aufführung, wenn die Akteure ganz auf sich und ihren Text fokussiert sind, der schlaksige Genser und der hier an den Rollstuhl gefesselte Schmieder sind ein kongeniales Komiker-Duo, vor allem Schmieder hätte wohl das Zeug, auch die dunkleren Facetten seiner Figur zu beleuchten. Schade, dass er so selten dazu kommt.