Es kann nur besser werden. Also das Wetter. Alles andere hat für Freude bei Michael Niavarani gesorgt in der ersten Woche seiner zweiten Saison als Open-Air-Bühnenbetreiber in Wien. Und selbst das Wetter, das Ende Mai just abends oft Regen im Programm hatte, konnte dem Kabarettisten nicht die Laune verderben. "Wir mussten bisher noch nicht wegen Regens absagen, aber wir fürchten es. Und gleichzeitig schwingt mit: Aber für die Bäume ist es super. Und wir freuen uns schon, wenn in vier Wochen wieder der saftige Garten da ist, wenn es heiß ist", sagt Niavarani über sein Theater im Park beim Belvedere (Spielbetrieb seit 21. Mai), das er im Vorjahr mit seinem Kompagnon Georg Hoanzl gegründet und heuer mit einer größeren Bühne ausgestattet hat. Und dem im zweiten Jahr gleich eine zweite Freiluftbühne folgt, denn die beiden verlegen ab 21. Juni auch das Globe Wien in Neu Marx ins Freie.

Rund 100.000 Tickets haben sie für ihre beiden Bühnen schon verkauft, "es gibt aber noch genügend Karten", erklärt Niavarani. Andererseits ist in Simpl und Globe seit März 2020 ein Kontingent von rund 70.000 Karten ausgefallen; die Vorstellungen konnten erst teilweise nachgeholt werden. Das Programm von Niavaranis Sommerbühnen ist bunt gemischt, von Solokabarettisten über Wolfgang Ambros bis zu den Sängerknaben. Das Programm ist bunt gemischt, von Solokabarettisten über Wolfgang Ambros bis zu den Sängerknaben. Mit dem Theater im Park hat er seinen alten Spezi Viktor Gernot zu dessen neuer Praterbühne inspiriert, die seit 1. Juni bespielt wird. Beide betonen den freundschaftlichen Mitbewerb - "keine Konkurrenz" - und treten auch gemeinsam da wie dort auf. Gernot arbeitet mit Harry Diem und Martin Reiter vom Casanova sowie dem Prater-Zampano Paul Kolarik zusammen. Letzterem verdankt er den idealen Standort im Prater. Das Programm hat sich fast von selbst gefüllt: "Man merkt, wie ausgehungert die Künstler sind."

Auch Viktor Gernots Praterbühne steht im Grünen. - © Praterbühne
Auch Viktor Gernots Praterbühne steht im Grünen. - © Praterbühne

Vor seinem ersten Auftritt auf der eigenen Freiluftbühne am Donnerstagabend war Gernot schon nervös. Auch, weil er das letzte Mal in der Terrornacht am 2. November auf der Bühne stand. "Seither habe ich nicht mehr vor Publikum gespielt. Und in den Lockdowns habe ich zehn Kilo zugenommen." Die könnte er nun im gleißenden Scheinwerferlicht - "auf der Bühne ist es ja noch heißer" - wieder runterschwitzen. Erfahrung im Freien hat er dank jahrelanger Engagements bei Sommertheatern reichlich, auch bei strömendem Regen. Wobei sich das Publikum bisher stets als regenresistent erwiesen hat. Insgesamt schätzt er die Sommersaison sehr. Auch Niavarani genießt die freie Natur. "Es ist natürlich eine größere Herausforderung, weil man mit den Widrigkeiten der Natur zurechtkommen muss. Und man muss präziser, aber auch größer spielen. Man muss ja nicht einen Raum ausfüllen, sondern einen ganzen Park."

Neue Konkurrenten und das "Corona-Damoklesschwert"

Regen ist beim Tschauner kein Thema. Als einzige große Wiener Freiluftbühne hat das 1909 in der Brigittenau gegründete und seit 1957 im 16. Bezirk beheimatete Etablissement einen überdachten Publikumsbereich, der selbst Stürmen standhält. Beim Tschauner geht der Spielbetrieb am 9. Juni los, und Chefin Monika Erb hofft auf Erleichterungen für den Gastronomiebetrieb ab 10. Juni. Denn momentan ist der Ausblick trist: "Wir sind motiviert und wahnsinnig gut vorbereitet, was die Corona-Regeln betrifft. Aber der Vorverkauf vor allem für Juni ist wirklich schlecht."

Die Überdachung beim Tschauner kann binnen zweieinhalb Minuten geöffnet oder geschlossen werden. - © www.tschauner.at
Die Überdachung beim Tschauner kann binnen zweieinhalb Minuten geöffnet oder geschlossen werden. - © www.tschauner.at

2019 war das beste Jahr in der 112-jährigen Tschauner-Geschichte, die Spielzeit 2020 ist dann komplett ausgefallen. "Wenn die heurige Saison nicht funktioniert, wird’s bitter", meint Erb. "Wir müssen ja auch durch den Winter kommen, und die Saison ausdehnen geht nicht. Ab Mitte September ist es einfach kalt, finster und schiach." Die neue Konkurrenz fürchtet die Tschauner-Chefin weniger "als das Corona-Damoklesschwert". Am liebsten würde sie direkt beim Eingang eine Teststraße einrichten. "Das wäre eine schöne Kampagne: 1+1 gratis, also Eintrittskarte und Corona-Test."

Das Globe Wien Open Air wird erst aufgebaut. - © Rendering: Globe Wien
Das Globe Wien Open Air wird erst aufgebaut. - © Rendering: Globe Wien
Lange Zeit war der Tschauner primär ein Stegreiftheater, inzwischen ist das Programm bunt gemischt und bietet auch Kabarettgastspiele. Allerdings setzt Erb seit einiger Zeit wieder verstärkt auf Eigenproduktionen, was ihr nun angesichts der neuen Konkurrenz helfen könnte. "Denn das ist unser Alleinstellungsmerkmal gegenüber den großen Bühnen, die jetzt aufgesperrt haben."

Mehrere Sommerspiele vor den Toren Wiens

Seit nun schon 16 Jahren macht auch Adi Hirschal Freilufttheater in Wien. In seinem Lustspielhaus Am Hof, im Herzen der Wiener Innenstadt, zeigt er ab 16. August mit Carlo Goldonis "Die Verliebten" (sehr frei übersetzt von Maddalena Hirschal) fast durchgehend ein Stück, nur unterbrochen von ein paar Spezialabenden. Auch bei ihm hat 2020 "der Corona-Sturm einen ganzen Lustspielhaus-Sommer hinweggefegt". Aber sein Team ist nun "mit Herzblut und voller Vorfreude wieder zurück und freut sich, nach einem deprimierenden Sommer wieder seine Tore zu öffnen und Sie willkommen zu heißen", richtet er seinem Publikum aus.

Seit 16 Jahren betreibt Adi Hirschal das Wiener Lustspielhaus. - © www.wienerlustspielhaus.at
Seit 16 Jahren betreibt Adi Hirschal das Wiener Lustspielhaus. - © www.wienerlustspielhaus.at

Er selbst spielt heuer nicht nur in seinem Lustspielhaus, sondern auch vor den Toren Wiens beim Kultursommer im Schloss Laxenburg - auf halbem Weg zur Bühne Baden - mit, wo man von 13. Juni bis 15. August das Stück "Raumschiff - oder das Drama des begabten Hundes" von Christian Deix und Olivier Lendl über eine intergalaktische Castingshow zum ersten österreichischen Allflug gibt.

Auch das Wiener Lustspielhaus kann mit einem Regendach aufwarten. - © www.wienerlustspielhaus.at
Auch das Wiener Lustspielhaus kann mit einem Regendach aufwarten. - © www.wienerlustspielhaus.at

Auch sonst gibt es nächster Umgebung Wiens heuer im Rahmen des Theaterfests Niederösterreich wieder mehrere Sommerfestspiele. In Maria Enzersdorf wird der Innenhof von Schloss Hunyadi von 17. Juni bis 9. Juli mit Kabarett und Musik bespielt (Intendanz: Joesi Prokopetz). Die Festspiele Stockerau im Belvedereschlössl wiederum widmen von 29. Juli bis 1. August und von 5. bis 8. August dem großen Humoristen Hermann Leopoldi eine Revue.

Die Oper Klosterneuburg zeigt von 3. bis 30. Juli "La forza del destino". Im Mödlinger Bunker, einem ehemaligen Luftschutzstollen, gibt es ab 15. August das extravagante Stationentheater "Utopia". Die Nestroy-Spiele Schwechat starten am 26. Juni mit "Charivari" in die aktuelle Saison. Und bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf gibt es ab 30. Juni einen Klassiker: Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug".

Wiener Kultursommer mit 2.000 Künstlern in der ganzen Stadt

Drinnen spielen ist im Sommer kaum ein Thema, nicht nur für Simpl, Globe und Casanova. Auch die Kulisse im 17. Bezirk sperrt vor dem Sommer gar nicht erst auf, sondern startet gleich erst im September los. Auch die Gruam an der Wagramer Straße ist zu. Ab Juli schließen dann auch die meisten anderen Häuser. Nur der große Stadtsaal an der Mariahilfer Straße und das kleine, aber feine Tschocherl im 15. Bezirk haben auch im Juli noch zahlreiche Termine zu bieten und pausieren bloß im August.

Bei Sonnenschein gibt es beim Tschauner echtes Open Air. - © www.tschauner.at
Bei Sonnenschein gibt es beim Tschauner echtes Open Air. - © www.tschauner.at
Eine Novität des Pandemiejahres 2020 wird zudem heuer weitergeführt: der Wiener Kultursommer von 3. Juli bis 15. August. Rund 2.000 Künstler bespielen mehr als 40 Orte in der ganzen Stadt mit Musik, Impro-Theater, Lesungen, Kabarett oder Poetry Slam. Das gesamte Programm wird demnächst präsentiert. Eine kleine, aber feine Freiluftproduktion gibt es auch im Innenhof des Volkskundemuseums Wien im Gartenpalais Schönborn. Hier wird am 23., 26., 27. und 30. Juni sowie am 1., 4., 8. bis 11. und 14. bis 18. Juli jeweils ab 19 Uhr das poetische Märchen "Die Wiener Stadtmusikanten", sehr frei nach den Gebrüdern Grimm, erzählt (ab 7 Jahren). Der Eintritt ist eine freie Spende (die Hälfte geht an eine Kinderhilfsorganisation).

Ohne Hilfe der Politik "hätten schon viele zusperren müssen"

Auch wenn sich seine Simpl-Revue nicht nur an den Lockdowns, sondern auch an der Politik abarbeitet - etwa "mit einer großen Verehrung unseres Bundesbeschuldigten, aber es gilt die Kurzschuldvermutung", wie Niavarani -, so lobt der Globe- und Simpl-Chef dennoch die Bundesregierung und auch die Stadt Wien. "Es hätten schon viele Bühnen zusperren müssen, hätte uns die Politik da nicht so geholfen", meint Niavarani. Dank Kurzarbeit und Umsatzersatz musste er niemanden kündigen. Die Pandemie macht vieles schwieriger. Seriös vorausplanen lassen sich nur jeweils ein paar Wochen. "Über den Herbst trauen wir uns jetzt noch gar nicht laut zu reden. Bei uns geht das ja noch, aber für große Theater ist das natürlich ein Wahnsinn."

Jetzt liegt der Fokus einmal auf dem Saisonstart der verschiedenen Freiluftbühnen, dank denen "die Kultur in Wien jetzt im Sommer nicht mehr tot ist", sie Niavarani feststellt. Die Wiener brauchen also nicht mehr aufs Land hinaus zu fahren. Das freut auch Hirschal: "Wir alle brauchen Kultur! Österreich, im Speziellen unser heißgeliebtes Wien, ist ohne seine Kulturveranstaltungen weder erkennbar noch denkbar." Niavarani glaubt an den langfristigen Erfolg der neuen Wiener Open-Air-Theater. "Ich kann nur jedem raten: Machen S’ eine Sommerbühne!" Auch Gernot wird seine Praterbühne sicher über 2021 hinaus weiterbetreiben. Freilich hat er nun live miterlebt, was da alles an Arbeit dazugehört, und meint: "Ich kann schon nachvollziehen, dass sich das nicht jeder antun will."