Ferdinand Schmalz gehört zu den erfolgreichsten österreichischen Gegenwartsdramatikern. Zum Fünf-Jahr-Jubiläum des internationalen "Dramater*innenfestivals Graz" (8. bis 13. Juni) lanciert der 35-Jährige das Projekt "Dramatisch Lesen", das einen Austausch zwischen Schreibenden, Wissenschaftlern und Kritikern ermöglicht.

Mit der "Wiener Zeitung" sprach der Grazer Autor über dieses Vorhaben und wie sich die Pandemie auf die schreibende Zunft auswirkte.

"Wiener Zeitung": Wie waren Sie von den pandemiebedingten Theaterschließungen betroffen?

Ferdinand Schmalz: Da ich im Frühjahr 2020 gerade eine intensive Arbeitsphase hinter mir hatte, empfand ich den ersten Lockdown als ganz heilsam, einmal zur Ruhe kommen, das hat schon gutgetan. Bei Dramatikerinnen und Dramatikern kam die Krise zeitversetzt an, weil zunächst noch Auftragshonorare bezahlt und Tantiemen abgerechnet wurden, dafür werden wir vermutlich später aus der Krise herausfinden. Die Bühnen vergeben derzeit kaum neue Schreibaufträge, sie haben offenbar genug damit zu tun, Corona-bedingt abgesagte Premieren nachzuziehen.

Wie beurteilen Sie Aktivitäten der Bühnen während des Lockdowns?

Sicher hat es auch mit kulturpolitischen Verfehlungen zu tun, dass die Planungssicherheit für die Häuser komplett einstürzte, und mitunter hinter verschlossenen Türen noch hektischer gearbeitet wurde als zuvor. Warum diese Zäsur nicht vermehrt dazu verwendet wurde, um über veränderte Arbeitsweisen nachzudenken, ist mir jedoch ein Rätsel. Die Arbeitsbelastung am Theater ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig angestiegen, es wird zu viel in zu kurzer Zeit produziert, diese Überproduktion wird schon lange kritisiert. Was muss noch passieren, damit sich Strukturen am Theater verändern?

Veränderte die Pandemie die Situation für die schreibende Zunft?

Die Corona-Krise hat Missstände verschärft, die zuvor schon da waren. Als die Bühnen kurzfristig aufsperrten, haben vor allem die größeren Spielstätten geöffnet, die weniger rentablen Spielstätten blieben häufig geschlossen. Das sind aber nun jene Orte, an denen vor allem zeitgenössische Dramatik stattfindet. Das ohnehin schon fragile Gleichgewicht, ist in der Krise noch mehr aus dem Lot geraten. Wo die Not am größten, wächst das Rettende auch: Es werden gerade neue Verbände gegründet, um sich gemeinsam für Arbeitsrechte einzusetzen. Welche langfristigen Auswirkungen die Pandemie zeitigen wird, ist derzeit schwer abzuschätzen und wird stark davon abhängen, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Verteilungskämpfe könnten uns schon bevorstehen.

Sie engagieren sich heuer beim "Dramatiker*innenfestival Graz", einer profilierten Plattform für Gegenwartsdramatik rund um die Ausbildungsstätte Drama Forum von uniT. Was haben Sie vor?

Wir haben Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen sowie Hybrid-Formate entwickelt, um die Studierenden, die am Beginn ihrer Laufbahn stehen, zu unterstützen. Solche Festivals bieten Gelegenheiten, um Leute kennenzulernen und mögliche Arbeitsverbindungen einzugehen. Das ist gerade jetzt extrem schwer, aber wir versuchen unser Möglichstes. Sichtbarkeit für neue Positionen schaffen und Diskussion wie es nach Corona weitergehen könnte, sind zwei große Schwerpunkte heuer.

Von Heiner Müller stammt der Gedanke, dass man ein Jahr lang überhaupt kein Theater spielen dürfe, erst dann könne man sagen, was Theater überhaupt sei. Wissen Sie es jetzt nach der Zwangspause?

Zur wichtigsten Aufgabe des Theaters gehört es, unterschiedliche Blickwinkel auf die Wirklichkeit zu erlauben, um verschiedene Perspektiven einnehmen zu können, um zu erkennen, dass Wahrheit erst im Dialog entsteht. Theater ist jene Kunstform, bei der sich Pluralismus im Denken am besten schulen lässt. Angesichts der Zunahme an Verschwörungstheorien und Corona-Leugnern wird einem schmerzlich bewusst, wie sehr die Gesellschaft diesen gemeinsamen Denkraum des Theaters vermisste.