Das besondere Spannungsverhältnis zwischen Theater und Film hat eine ganze Reihe an Kinofilmen hervorgebracht, die Geschichten aus dem Theatermilieu zum Inhalt haben - etwa Klassiker wie Ernst Lubitschs "To Be or Not to Be" (1942) und Michelangelo Antonionis "Blow up" (1966).

Der Theatermacher René Pollesch dreht nun den Spieß um und bringt in seiner jüngsten Inszenierung "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer", die nun im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, ein Filmset auf die Bühne.

Ein Spinning-Room dominiert das Bühnenbild, eine technisch aufwendige Konstruktion, um beim Drehen die Schwerkraft auszu hebeln, damit entstanden etwa jene berühmten Tanzszenen in "Royal Wedding" (1951), in denen Fred Astaire elegant auf der Zimmerdecke steppte. Der "neue" Pollesch, diesmal also Film am Theater. Aber was für ein Film?

Da herrscht, wie häufig in Polleschs Theaterarbeit, absichtsvolles Chaos, planvolle Orientierungslosigkeit, heitere Hektik. Der Titel ist zunächst eine Anspielung auf Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar", einst viel gespieltes Drama aus 1937, das Sorgen und Nöte einer Mutter im Spanischen Bürgerkrieg verhandelt. Angeblich, so will es Polleschs Bühnentext, soll Brechts-Stück im Jahr 1938 in Hollywood verfilmt werden. Die fiktionalen Dreharbeiten bilden die Rahmenhandlung des Theaterabends.

Von Brecht bleibt in der 90-minütigen Aufführung nicht mehr viel über, dafür gibt es Anekdoten aus der Hollywood-Ära der 1930er Jahre. Die Abgründe der Traumfabrik, die Kenneth Anger in "Hollywood Babylon" beschrieb, führen geradewegs zum gegenwärtigen Starkult. Pollesch erinnert auch an jene, die im Dunklen bleiben, die man, die wie es bei Brecht heißt, "nicht sieht". Einige Bühnensätze werden geradezu mantraartig wiederholt: "Liebling, es interessieren nur die Leben von wenigen Zeilen. Versuch bitte nicht, ein Roman zu sein." Diese Ansage wird gern gekontert mit: "Es fängt ein Leben an, dann passiert was, und dann geht es den Bach runter."

Doch ein Tanzfilm?

Mit solch albernem Tiefsinn vertreiben sich die sieben Schauspieler der Berliner Volksbühne, deren Leitung René Pollesch ab kommender Saison übernehmen wird, gut gelaunt die Zeit.

In High Heels stöckelt die titelgebende Kathrin Angerer mit Federboa im Haar höchstpersönlich durch das Setting, gefolgt von Josefin Fischer, Lilith Krause, Rosa Lembeck und Marie Rosa Tietjen in eleganten Hollywood-Roben, neben Martin Wuttke vermag sich Thomas Schmauser wacker zu behaupten. Unvermutet taucht auch noch das Thema Wrestling auf und bis zuletzt bleibt offen, ob es sich bei "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" nicht doch eigentlich um einen Tanzfilm handelt. Sieben Tänzerinnen legen nach jeder Sprech-Szene eine gekonnte Tanz-Sequenz aufs Parkett, von Charleston bis zu A-Chorus-Line-ähnlichen Formationen findet man einige Referenzen an bekannte Tanzfilme.

"Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" fügt sich nahtlos in das Pollesch-Universum ein, ohne jedoch sonderlich zu funkeln.