Ein "Lehrstück" soll Brechts "Die Mutter" sein. Und wie eine Vorlesung beginnt dann auch die Version, die die New Yorker Wooster Group am Dienstag bei den Wiener Festwochen als Weltpremiere vorstellte. Jim Fletcher erzählt das, was Filmfans die "Trivia" nennen: Dass Brechts Stück über eine Mutter, die sich erst aus Sorge um den Sohn, dann aus echter Beseeltheit dem Kommunismus verschreibt, auf einem Roman von Maxim Gorki beruht. Und dass Lenin ein großer Fan des Buchs war. Jim Fletcher wird seiner Rolle an diesem Abend treu bleiben - er wird auch noch den anfangs zarentreuen Lehrer geben, bei dem Mutter Wlassowa unterkommt.

Pelagea Wlassowa wird von Kate Valk gespielt, sie bewegt - wie die anderen Schauspieler die meiste Zeit auch - nur die Lippen zu ihrer vorher aufgezeichneten Stimme. Ein Verfremdungseffekt, der Brecht-Kenner freut sich. Das ermöglicht auch, dass die Akteure extrem schnell sprechen, als würde ein Band vorgespult oder dass sie wie Roboter (Achtung, Russisch-Anspielung) klingen. Verfremdet werden auch Hanns Eislers Lieder für das Stück - manchen wird auch wieder eine erklärende Einleitung gespendet -, sie bekommen eine Art Improjazz-Verbrämung. Das passt einerseits, weil auch der Jazz aus Unterdrückung entstanden ist. Andererseits erzeugt es auch einen Bruch, weil es manchmal musicalhaft wie ein LSD-"Les Miserables" klingt und vor allem gegen Ende in ein Ambient-Elektro-Wabern mündet, das man nun eher weniger mit 1. Mai-Aufmärschen verbindet. Gareth Hobbs kümmert sich am Keyboard darum - seine Rolle als Sohn Pawel ist verschwindend, der ganze Fokus liegt auf der Mutter.

Die Bühne ist, wie das Programm erklärt, vor allem mit Requisiten aus früheren Wooster Group-Produktionen bestückt. Über den Schauspielern läuft eine Projektion, die die Fabriksschlote von Suklinov entweder von der Ferne oder von der Nähe zeigen - je nachdem, wo sich die Handlung gerade befindet. Krähen fliegen in Loops darüber. Das hat manchmal auch Witz, etwa wenn die Mutter sich ins Fabriksgelände schleust, um Flugblätter zu verteilen. Der plötzlich spiegelverkehrte Schriftzug von Suklinov zeigt, dass sie es hineingeschafft hat.

Die restlichen Rollen werden verkörpert von Ari Fliakos (recht amerikanisch hemdsärmelig etwa als Arbeiter Semjon) und Erin Mullin (unter anderem mit kindlicher Wickie-Schläue als Revolutionärin Mascha.

Die Wooster Group - sie war zuletzt 1997 bei den Wiener Festwochen - gibt es seit 1975, sie ist eine der bedeutendsten Performancegruppen New Yorks. Sie gilt als Pionierin im Einsatz von Videotechniken auf der Bühne und im Spiel mit den Gewohnheiten. Regisseurin Elizabeth LeCompte steht für spannende, experimentelle Modernisierungen von Klassikern der Bühne. Dementsprechend hätte man sich etwas Sensationelleres erwartet als diese solide Brecht-Exegese, gesprenkelt mit postmodernen Ideen. In diesen 80 Minuten wird dem Stück keine Gewalt angetan, aber auch nichts besonders Neues erzählt. Die Konzentration auf die Geschichte, die auch Theorie erzählt, ist aber möglicherweise heute schon eine Revolution.