Knapp 100 Buchseiten haben die Welt der Philosophie für immer verändert. Ludwig Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus", 1921 veröffentlicht, teilweise in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entstanden, gehört zu den wirkmächtigsten und kompliziertesten philosophischen Schriften und sie brachten dem Autor noch den Ruf eines Genies ein. Der damals 32-Jährige gehörte da längst zu einem der Zentralgestirne im geistigen Universum des "Wiener Kreises" und behauptete gern, mit dem Tractatus "alle Probleme der Philosophie gelöst zu haben".

Bis heute lässt sich vortrefflich über das enigmatische Werk und wilde Leben des Philosophen grübeln, nun liefert es auch noch die Vorlage für einen Theaterabend. In "Alles, was der Fall ist" versucht das britisch-irische Theaterkollektiv Dead Centre nichts weniger als Wittgensteins sprachanalytisches Denken auf die Bühne des Akademietheaters zu bringen. Kein einfaches Vorhaben. Vor einem Jahr gelang den Regisseuren Ben Kidd und Bush Moukarzel indes am selben Spielort mit "Die Traumdeutung von Sigmund Freud" bereits eine gewitzte szenische Auseinandersetzung mit einem der Säulenheiligen der Psychoanalyse. Nun wird also Wittgenstein durch die Spaßmaschine gejagt. Ob das gut geht?

Burg-Schauspieler Philipp Hauß führt als eine Art Conférencier durch den 90-minütigen Abend und läuft geradewegs zu Hochform auf: "Also stellen wir eine Behauptung auf. Sagen wir, ich bin der Philosoph Ludwig Wittgenstein." Hauß überprüft in der Inszenierung Wittgensteins sprachanalytischen Ansatz, wonach sich die Welt vollständig durch das Aneinanderreihen von Aussagesätzen erklären lasse. Wichtigstes Hilfsmittel ist dabei eine Miniatur-Guckkastenbühne am Bühnenrand. Hauß verschiebt etwa Objekte im Bühnenmodell, um Wittgensteins Sprachmodell zu erklären, so wird aus einem Kaffeehaus im Handumdrehen eine Red-Bull-Getränkebox. Das Publikum sieht die Veränderungen via Videoprojektion überlebensgroß auf der raumfüllenden Leinwand. Diese 1:1 Übertragung von Gedanken in Bildern birgt einen gewissen Reiz. Aber wohin führt die ganze Spielerei?

Banalität des Bösen

Die Inszenierung umkreist die Frage, ob sich mit Hilfe des logisch-analytischen Denkens Mord und Totschlag in der Welt begreifen ließe. Die Versuchsanordnung arbeitet sich an zwei Handlungssträngen ab: Einerseits wird eine reale Gewalttat als Beispiel herangezogen - eine Amokfahrt in Graz im Jahr 2015, bei der drei Menschen ums Leben kamen und 36 verletzt wurden - dann wiederum wird mit Schlüsselszenen aus Shakespeares "Macbeth" operiert, dem Bühnenbösewicht erster Güte. Einmal stellt das fünfköpfige Burg-Ensemble Szenen der Amokfahrt nach, dann findet man sich unvermittelt in Shakespeares "Macbeth" wieder, das alles mündet wiederum in eine Lecture-Performance in Sachen Wittgenstein.

Was vermag der Philosoph bei alldem szenischen Hin und Her auszurichten? Herzlich wenig. Das logische Denken hält der Banalität des Bösen nicht stand, weder der realen Bluttat in Graz, noch der fiktiven Shakespeare Morde. Der ganze Aufwand für diese kaum überraschende Erkenntnis? Halt. Da war noch was.

Die besten Momente hat die Aufführung, wenn Hauß alias Wittgenstein über das Theater monologisiert. Für die zentrale Einsicht der Aufführung wären die infantilen Illustrationen gar nicht nötig gewesen: Im Theater ist das Theater alles, was der Fall ist.