Das Licht dieser "Macbeth"-Produktion, es strahlt bei der Premiere am Donnerstag aus dem Graben. Dort leuchtet Musikdirektor Philippe Jordan am Pult des hellwachen Orchesters bis in die letzten Winkel der Verdi-Partitur, lässt geheimnisvoll umwobene Details glanzvoll erstrahlen und schafft mit seiner stets gut organisierten wie umsichtigen Lesart einen stringenten wie lichtdurchfluteten Klangraum. Viel Raum für Magie oder Abgründigkeiten bleibt darin nicht, doch davon besitzt der Abend auf anderer Ebene dafür im Überfluss. Denn im ungleich höheren Maße, in dem Jordan das thematisch düstere Werk mit möglichst viel, vielleicht mit zu viel Klarheit ausstattet, verweigert sich Regisseur Barrie Kosky eben dieser.

Koskys Regiekonzept für die ursprünglich 2016 in Zürich herausgekommene Produktion setzt auf absolute Reduktion und beinahe ebenso absolute Dunkelheit. Die Bühne von Klaus Grünberg bleibt vier Akte lang in tiefstes Schwarz gehüllt, Lichtpunkte deuten einen sich verjüngenden Trichter-Raum an. Licht gibt es keines am Ende dieses Tunnels. An der Rampe formt ein Lichtkegel einen schmalen Schau-, Kampf- und Spielraum, in dem sich die sichtbare Seite des Dramas konzentriert. Der Rest bleibt ungewiss, der eigenen Vorstellungskraft überlassen. Auch spärliches Licht vermag hier ganz viel Schatten zu erzeugen.

Schlangen aus Buntpapier statt Gästeschar - auch rauschende Feste feiern die Macbeths in beinahe völliger Düsternis: Anna Netrebko als Lady und Luca Salsi als Macbeth. - © Staatsoper / M. Pöhn
Schlangen aus Buntpapier statt Gästeschar - auch rauschende Feste feiern die Macbeths in beinahe völliger Düsternis: Anna Netrebko als Lady und Luca Salsi als Macbeth. - © Staatsoper / M. Pöhn

Namenlose, nackte Körper als innere Dämonen

Barrie Kosky, der künftig vermehrt an der Wiener Staatsoper inszenieren wird, setzt bei Verdis Shakespeare-Vertonung auf das Prinzip des dringlich kompakten Kammerspiels - bei einer Oper mit viel großem Chor durchaus ein Wagnis. Der klanglichen Dimension des Chores tut diese Verborgenheit und dunkle Verschleierung der Sängerinnen und Sänger nicht immer gut. Doch Kosky interessieren die Massen nicht, was ihn anzieht, ist einzig der aus Machtgier geborene Mordrausch, in den Macbeth und seine Lady sich und einander treiben - mit all den wahnhaften wie düsteren Facetten.

Luca Salsi bleibt in der Titelpartie stimmlich souverän, als Figur aber durchgehend ungreifbar. - © Staatsoper / Michael Pöhn
Luca Salsi bleibt in der Titelpartie stimmlich souverän, als Figur aber durchgehend ungreifbar. - © Staatsoper / Michael Pöhn

Das einzige optische Element, das Kosky neben der allumfassenden Schwärze - auch die zwischen Kimono und Kutte angesiedelten Kostüme von Klaus Bruns sind monochrom - zulässt, ist Nacktheit. Die stummen, zweigeschlechtlichen entblößten Körper, die der Regisseur dabei einsetzt, erweisen sich ausgehend von den prophetischen Hexen im Laufe des Dramas immer mehr als die Fleisch gewordenen, ihn zunehmend bedrängenden inneren Dämonen Macbeths.

Findet erst im entrückten Wahn des Finales in die Partie der Lady Macbeth: Anna Netrebko. - © Staatsoper / Michael Pöhn
Findet erst im entrückten Wahn des Finales in die Partie der Lady Macbeth: Anna Netrebko. - © Staatsoper / Michael Pöhn

Die Akteure tauchen immer wieder wie Gespenster aus der nebulosen Dunkelheit im Lichtkegel des blutigen Königsdramas auf, der Rest bleibt ungewiss, der Tod nur angedeutet, symbolisiert durch Raben und deren ebenfalls rabenschwarze Federn. Sichtbar wird dabei selten die omnipräsente Gewalt des Stückes als vielmehr die Ängste und Dämonen, die ebendiese in den Figuren auslösen. Gänzlich auf die Kraft des Unbestimmten zu setzen, hat seinen Reiz. Viele von Barrie Koskys Analogien und Ideen sind stimmig, schaffen starke Bilder, deren Sog immerhin spürbar bleibt. Ohne Gegenpol wird die Dunkelheit jedoch monoton, ermüdet die Reduktion, wird die Vorstellungskraft träge. Stark genug, um als einzige Idee einen Abend zu tragen, ist das Konzept Düsternis hier nicht. Die Kraft des Ungewissen wird deutlich überstrapaziert. Beinahe meint man, Kosky flüchte sich in sie.

Prominente Rollendebüts mit überschaubarer Strahlkraft

Dass diese auf atmosphärische Dichte abzielende Produktion am Donnerstag ihre Sogwirkung nicht wirklich entfalten konnte, lag wohl auch an den Solisten. Luca Salsi - erstmals in Wien in der Titelpartie zu erleben - verfügt über die stimmliche Kraft, aber nicht immer über die Kontinuität und Geschmeidigkeit eines überzeugenden Macbeth. Er steht damit mehr für die ohnmächtige Seite der Macht. Anna Netrebko als Lady Macbeth findet bei ihrem Rollendebüt stimmlich wie szenisch nur nach und nach in die Partie. Die sonst so mühelos agierende Netrebko klingt in den ersten Akten angestrengt. Die Vorzüge ihres Soprans und ihre schauspielerische Wucht kann sie erst im wahnhaften Finale entfachen. Die komplexe wie diffizile Beziehung des Königspaares, auf die die Produktion fokussiert, bleibt dabei seltsam eindimensional. Aus dem rund um die beiden gut besetzten Ensemble sticht vor allem Freddie De Tommaso als markanter Macduff hervor.

Die in Zürich umjubelte Produktion, bei der (zu) vieles im Dunklen bleibt, wurde in Wien mit freundlicher Zustimmung aufgenommen.