"Menschen, I brauch’s ned so." Überhaupt wenn sie so laut sind. Allerorten herrscht ja Latte-Macchiato-Geschwätzigkeit. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Kommunikation in Wien traditionell "kurz und unfreundlich" war. Deswegen ist Josef Hader nun im Weinviertel. Dort sind weniger Menschen und die sind auch noch dazu kleiner. Dafür gibt es mehr Tiere. Also außer im Winter, weil da erfrieren die wegen dem Klimawandel und wahrscheinlich auch polarer Luft aus Russland, angesaugt von einem tschechischen Atomkraftwerk. Und im Sommer geht’s ihnen auch nicht gut. Nur den riesigen Insekten, die einem wochenlang gigantische Dippeln bescheren. Pflanzen gibt’s auch, aber die sind ja überhaupt besonders verdächtig. Die wollen die Weltherrschaft mit ihrer Photosynthese an sich reißen.

Am Donnerstag hatte "Hader On Ice" (Regie: Petra Dobretsberger) im Wiener Stadtsaal Premiere. Es ist Haders erstes neues Programm nach 17 Jahren. Und es ist ein Glücksfall. Nach Jahren, in denen er auf Filmsets gut beschäftigt war, kehrt Hader mit diesem Programm zu jener Form zurück, die ihn berühmt gemacht hat und die er wie kein Zweiter beherrscht. Ähnlich wie im Ausnahmeprogramm "Privat" plaudert er sich mit heiterer Beiläufigkeit durch eine Bestandsaufnahme der österreichischen Seele. Dabei trifft er auf Lieblingsthemen wie den Katholizismus ("mit Rosenkranzbeten gingat der Meeresspiegel wieder owe, owa es bet ja koana mehr!"), Adolf Hitler (der "gmiatliche Oberösterreicher") und die hypochondrische Metapher (Angina pectoris, ein zu enges Herz).

Aber er widmet sich auch neuen Phänomen: Der Weinviertler Josef Hader nämlich hat auch Internet, also entschleunigtes Einschicht-Internet halt, aber da hat man immerhin nicht so viel Stress bei YouPorn und die wirklichen Wahrheiten erfährt man auch. Zum Beispiel über das Weizen und seine Rolle in der Weltverschwörung. Geschweige denn die Mannerschnitten.

Ironische Schinkenrolle

Im zweiten Teil - da hat er schon eine Flasche vom nachhaltig im Segelschiff gereiften Rum intus und das Hemd bis zum Nabel offen - gibt er mehr von den Abgründen seiner Bühnenpersona preis. (Über diese Technik hat er sich davor mit einer Sequenz über zersplitterte Persönlichkeiten selbstironisch hergemacht.) Ein zu reicher "alter, weißer Mann" (diese Abgegriffenheit von Begriff fällt freilich kein einziges Mal), ein Gentrifizierer, der Gentrifizierer hasst, einer, für den jüngere Frauen der "heißeste Scheiß" sind, der eine ganz bestimmte Art von Vegetarismus praktiziert (Schinkenrolle nur ironisch verzehrt) und der ganz besondere Ideen für die Eindämmung der Fluchtsituation im Mittelmeer hat. Immerhin hat er schon den Bettler vom Supermarkt, den Nigerianer Jimmy, in seine Dienerschaft "gerettet". Und ihm ganz nebenbei beigebracht, dass er auch einen Diener bräuchte. So funktioniert das im Spätkapitalismus.

Man kann sich da schon in einigem wieder erkennen, muss sich aber auch nicht gleich geißeln, selbst wenn man katholisch ist. Dafür ist das Programm zu dicht, zu reich an Fantasie, mehr Literatur als Zeigefinger. Es ist ein Genuss, Haders Erzählstimmenpotpourri etwa beim Bericht über das pittoreske Verwesen des Waldes zuzuhören oder beim Maßregeln des Dalai Lamas für den nächsten weichgespülten Sinnspruch. Dass man manches bereits aus Videos, die er zu Lockdownzeiten auf Facebook gepostet hat, kennt, wie seine Alkoholroutine ("Um halb acht mit einem Stamperl Sliwowitz aktiv in den Tag starten"), tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie sind nun im Kontext des größeren Ganzen sogar lustiger.

Weil er ja Menschen "ned so braucht", hat er am Ende in einer poetisch-fantastischen Wendung mit diesem typischen Josef-Hader-Widerhaken einen neuen grantigen Lebensmenschen, der gar kein Mensch ist. Wie sagt schnell der Ding, der Lateiner? Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen. Und manchmal sogar ein Rudi. Ah Rudel.