Maurice Maeterlincks Drama "Pelléas und Mélisande" findet auf den Bühnen dieser Welt zumeist nur als Oper, die Claude Debussy daraus gemacht hat, statt. Das zugrunde liegende symbolistische Stück rührt kaum ein Theaterregisseur an - der US-Amerikaner Daniel Kramer hat es nun im Akademietheater getan.

Die Inszenierung beginnt schon mit einer Szene, wie man sie aus Träumen kennt: Das erste Bild zeigt die halbnackte Mélisande auf einem Laufband, sie ist augenscheinlich auf der Flucht, kommt aber nicht von der Stelle. Hinter ihr ist eine genähte Wunde auf einen Glaskobel, der in weiterer Folge als Leinwand für Hintergrundbilder unterschiedlichen Horrorniveaus fungieren wird, projiziert. Ein Knall, wie ein Schuss oder eine sehr schwere Tür, die zufällt, beendet diese Sequenz und Mélisande liegt im Wald, wo Golaud sie findet. Also eigentlich findet er eine Puppe, Melisande ("mehr Kind als Frau") sitzt weiter weg und spricht für sie. Diese Puppe ist während der ganzen Inszenierung Mélisandes Alter Ego, sie muss all die schlimmen Dinge, die passieren, am eigenen Leib erleben, während sich Melisande zurückzieht.

Golaud mit den Riesengrapsch-Händen (Rainer Galke) findet Mélisandes Puppen-Alter-Ego. - © Susanne Hassler-Smith
Golaud mit den Riesengrapsch-Händen (Rainer Galke) findet Mélisandes Puppen-Alter-Ego. - © Susanne Hassler-Smith

"Gewinner" beim "Glücksrad"

Golaud nimmt sie mit in sein Schloss, das nun ihr neues Heim sein soll. Bevor sie im Kostümchen dort eintrifft, wird dieser neue Lebensabschnitt auf der Bühne angekündigt. Eine Showkulisse in halber Herzform mit blinkenden Lichtern und den versteckten Buchstabenfeldern der Spielshow "Glücksrad" fährt herunter. Eine blonde Frau in pinkem Paillettenkleid (Leonie Berner) präsentiert die Buchstaben, die "Welcome Home" ergeben. Diese Showeinlage wird immer wieder kommen, gegen Ende wird Melisande der Buchstabenwand die Frage nach der Lösung stellen und die Buchstaben "Suicide" werden aufleuchten.

Bis dahin lernt sie aber noch Pelléas kennen, mit dem sie mehr verbindet als mit dessen Bruder Golaud. Der wiederum macht aus seiner Gewalttätigkeit kein Hehl, zerrt Mélisande aus Eifersucht auf den Knien über die Bühne. Rainer Galke spielt diesen Tyrann als rasenden Soziopathen, ihm wurden riesige Handprothesen verpasst, zwischen seinen Beinen baumelt eine Art Kartoffelsack, der sein Geschlechtsteil darstellen soll. Wie er damit Mélisandes Puppe bearbeitet und danach in der Mitte zerreißt, gehört zu den am schwersten erträglichen Szenen dieser Inszenierung. Daniel Kramer hätte gern, dass seine Zuseher mit Gänsehaut das Stück verlassen - hier ist es wohl eher Übelkeit.

Kramer hat sich entschieden, die nachgerade psychoanalytische Rätselhaftigkeit des Stücks in eine grobschlächtige Alptraum-Szenerie zu versetzen. Maeterlincks Stück hat viele (bewusste) Leerstellen, diese Inszenierung deutscht sie aus: Missbrauch ist das Trauma der Mélisande, dem sie oder ihre Seele nicht entkommen kann. Der Kartoffelhodensack und die riesigen Tatschhände sind dafür nicht gerade die feingeistigsten Symbole. Das blutige Stück Fleisch, das im Glaskobel hängend immer wieder blitzlichtartig auftaucht, auch nicht. Die Puppe wiederum steht für die Abspaltung des Selbst, die die Psyche als Schutzmechanismus vornimmt, wenn die Situation untragbar wird. Andere Puppen, Barbie und Ken, werden von Golauds Sohn Yniold zu Hilfe genommen, nicht nur, um dem Vater über die Beziehung zwischen Pelléas und Mélisande zu berichten, sondern auch, um seine/ihre geschlechtliche Identität zu illustrieren. Archaische Bilder drängen sich dazwischen, etwa wenn Melisande ein Kleid aus ihrem blonden Rapunzel-Perückenhaar trägt im steinzeitlichen Stil.

Kramers Fokus liegt ohne Zweifel stark auf den Frauen (Sophie von Kessel als gepeinigte, am Ende Kraft aus Leiden schöpfende Mélisande) und Eigentlich-Frauen (Maresi Riegner als zunehmend exaltierter Yniold), das führt dazu, dass Pelléas (Felix Rech) sehr blass bleibt. Barbara Petritsch ist eine spielshowsüchtige Großmutter Geneviève, bewegungsunfähig im Rollstuhl mit Busen bis zu den Knien und geschwollenen Beinen. Branko Samarowski liegt als Gegenpart Arkel dazu im Krankenbett und muss darauf herumturnen.

Der Produktion ist ein aufwändig ausgestattetes Bühnenbild gegönnt (Annette Murschetz), viel Projektionstechnik, ein unheimliches Wasserloch und ein Boden voller schwarzem Sand. Das ändert aber auch nur wenig daran, dass man hier großteils das Gefühl hat, bei einer übertherapierten Traumdeutung Zeuge zu sein.