In weiß strahlendem Arbeitslicht leuchtet der orangefarbene Boden der Bühne mit seltsam retro-futuristisch anmutenden Hockern in der Mitte der Halle E im Wiener Museumsquartier. An den vier Seiten sitzt das Publikum, somit haben alle unterschiedliche Perspektiven auf das groteske Geschehen, das sich als sehr punktuell und kleinteilig, und präzise in der Durchführung mit situativer Komik erweist.

Als erster betritt der Pianist Florian Müller die Szenerie. Er schiebt auf einem Wagen Klaviertasten inklusive Hämmerchen rund um die Bühne. Schließlich setzt er diesen zentralen Teil seines Instruments in den Flügel ein. Erleichtert und innig singt der Pianist, sich selbst begleitend, Sinéad O’Connors Prince-Cover "Nothing Compares 2 U". Singende Musiker berühren in szenischen Produktionen auf besondere Weise, das funktioniert auch hier bestens. Gleichzeitig stellen sich Fragen, die nicht eindeutig beantwortet werden können - das Grundprinzip dieser Inszenierung der kapverdischen Tänzerin und Choreografin Marlene Monteiro Freitas.

Vokalakrobatik und
individuelle Choreografie

Die Regisseurin hat Arnold Schönbergs Melodramen-Zyklus "Pierrot lunaire" (1912), der als Schlüsselwerk der musikalischen Moderne gilt, auf Details in den Gedichten des belgischen Dichters Albert Giraud hin untersucht und zu diesen frei assoziiert. Im Zentrum des Geschehens als stoisch ruhender Pol in der Mitte thront die Sängerin Sofia Jernberg, gekleidet in ein lila Priestergewand mit pinkfarbener Mütze. Ihr stark zurückgenommener Sprechgesang bewegt sich im ersten Teil gleichwertig mit den Instrumentalstimmen. Der Text steht damit nicht im Vordergrund und ist nur in Wortfetzen verständlich. Schade, dass weder die wunderbaren Gedichte, noch deren Titel im Programm abgedruckt sind.

Im Lauf der 75-minütigen Vorstellung entwickelt Sofia Jernberg ein breites Repertoire an stimmlicher Klanggebung, das von Obertongesang bis hin zu Kehllauten reicht, kindliches Gejammer und zarte, innig interpretierte Melodien einschließt. Ihre eindrucksvolle Mimik begleitet die minimalistischen Aktionen, die durch die akustische Verstärkung enorme Wirkung entfalten: Sie putzt sich exzessiv die Zähne, bis dass der Schaum tropft, zieht eine Angelschnur langsam aus dem Mund, begleitet von angeschlagenen Klaviersaiten - damit wird eine Verbindung zwischen Handlung und möglicher Bedeutung geschaffen.

Die fünf Klangforum-Mitglieder und, als Dirigent, Ingo Metzmacher beeindrucken neben der gewohnt intensiven und überzeugenden Interpretation mit ihrem performativen Können in exakt durchgeführter Choreografie. Anspielungen an liturgische Rituale mit Gebeten und lateinischen Sprüchen oder dem Trinken aus Messweinbechern ziehen sich durch den gesamten Abend.

Die skurril-grotesken szenischen Blitzlichter sind für jeden Einzelnen entworfen: Der Cellist Andreas Lindenbaum ficht mit seinem Bogen, die Flötistin Vera Fischer singt "La-Le-Lu", das entzückende Wiegenlied aus den 1950er Jahren, Klarinettist Bernhard Zachhuber wackelt schielend auf der Bühne, Gunde Jäch-Micko öffnet ihren Violinbogen und lässt dessen Rosshaare wie eine Angelschnur baumeln.

Schönbergs Melodramen kreisen um den Mond als Inspirationsquelle, als Sehnsuchtsort, als krankmachende Kraft, als traumgebender Begleiter in der Nacht. Der Mond ist nicht fassbar, denn er wandert scheinbar - so ist es auch unklar, wo sich die Szenerie befindet und welchen Gesetzen sie folgt. Als Kaleidoskop von grotesken, zum Teil witzigen und auch berührenden Momentaufnahmen funktioniert dieser Abend, wenn es gelingt, den Blick stets aufs Neue darauf zu richten, ohne einen größeren Zusammenhang erkennen zu wollen.