was hat man in den vergangenen 18 Monaten, seitdem die Pandemie die Welt im Griff hält und das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen kam, nicht alles versäumt? Was hat man hinter sich? Was hat man eigentlich erlebt in der Zurückgezogenheit?

Theatermacher Martin Gruber ist mit dem Aktionstheater seit mehr als 30 Jahren als Chronist von Lebenswirklichkeiten und seismografischen Verschiebungen bekannt, Widrigkeiten des Alltags finden bei ihm verlässlich den Weg auf die Bühne. Folgerichtig arbeitet er sich in seiner jüngsten Inszenierung "Lonely Ballads eins und zwei" mit der Einsamkeit in Zeiten der Pandemie ab.

(vorne) Ayo Aloba, (hinten) Sandra Sandra Selimoivćund Ivana Nikolić . - © Stella Jarisch
(vorne) Ayo Aloba, (hinten) Sandra Sandra Selimoivćund Ivana Nikolić . - © Stella Jarisch

Die Aufführung besteht aus vier Monologen (was sonst!), begleitet von Live-Musik einer sechsköpfigen Band (ein Erlebnis für sich!). Zwei Frauen und zwei Männer treten nacheinander auf und gewähren intime Einblicke in ihr Leben, inklusive vermurkste Kindheitserinnerungen und Liebesdramen. Nur im ersten Monolog wird Corona namentlich erwähnt, danach fällt das C-Wort nicht mehr, muss es auch nicht, es grundiert ohnedies die Stimmung. Wie Schiffbrüchige sitzen die vier Performer (Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Tamara Stern, Benjamin Vanyek) in ihren Wohnungen fest, hier die leere Bühne des Werk X Meidling. Gibt es keine Flucht mehr ins Draußen, bleiben einem nur Streifzüge ins Innenleben. Den abgründigen Witz bezieht die Aufführung aus der Vortragskunst der Performer und dem irrwitzigen Text: "Lonely Ballads" changiert zielsicher zwischen derbem Humor und poetischem Tiefsinn, zwischen feiner Ironie und fast schon kitschiger Ernsthaftigkeit. Dem Ensemble ist ein tieftrauriger, zugleich unendlich tröstender Abend gelungen. Die Innenstadt-Dependence Werk X-Petersplatz etabliert sich zunehmend als Experimentierfeld für interkulturelles Bühnenspiel. Mitunter fällt die szenische Umsetzung nicht ganz so glanzvoll aus, das wird jedoch durch die inhaltliche Dringlichkeit und gesellschaftspolitische Relevanz aufgewogen. Die jüngste Premiere, der Theaterfilm "Bibi Sara Kali" von Ibrahim Amir und Simonida Selimović, setzt sich in der fachkundigen Regie von Nina Kusturica, mit Identitätsfragen österreichischer Roma auseinanderander.

Ausgangspunkt ist der Tod einer vor 27 Jahren nach Wien emigrierten Romni, ihre drei Töchter reisen zum Begräbnis ins serbische Heimatdorf der Mutter und werden mit der ihnen fremd gewordenen Roma-Kultur und ihren zahlreichen Ge- und Verboten konfrontiert. Die titelgebende "Bibi Sara Kali" ist eine Patronin der Roma. Das Film-Theater-Projekt wurde initiiert und umgesetzt vom Roma-Kulturverein Romano Svato, sämtliche Akteure, auch die drei Protagonistinnen (Ayo Aloba, Sandra Selimoivć und Ivana Nikolić) sind Roma und Romnija. Hier meldet sich eine Gemeinschaft zu Wort. Mehr davon.