Was ist das Sommertheater ohne große Geste? Die Atmosphäre der weitläufigen Freiluftbühnen, pompöse Spiele am See, Schaulauf der Promis auf und vor der Bühne, Prosecco an der Theaterbar. Im Vorjahr blieb kaum etwas von diesem Glamour über. Corona-bedingt gab es viele Absagen, die Premieren wurden in den Sommer 2021 verschoben. Heuer spielen die meisten Sommerbühnen des Vereins Theaterfest Niederösterreich wieder: Von 13. Juni bis 11. September planen insgesamt 18 Spielorte 22 Produktionen.

Von Seiten der Regierung ist im Zuge sukzessiver Lockerungen erstaunlich viel möglich - freilich unter Einhaltung der 3G-Regel. Besucherinnen und Besucher müssen nachweislich getestet, geimpft oder genesen sein, die Eintrittskarten sind für das Contact-Tracing personalisiert. Seit 10. Juni liegt die zugelassene Auslastung bei 75 Prozent. Obergrenzen in geschlossenen Räumen liegen derzeit bei 1.600, im Freien bei 3.000 Personen. Für die Zeit nach dem 1. Juli hat die Regierung weitere Lockerungen angekündigt, aber es gibt noch keine gültige Verordnung.

Positive Signale, freilich nicht für alle Bühnen, manche Spielstätten (Retz und Weitra) bleiben weiterhin geschlossen. Einen herben Schlag hat auch das Intendantenpaar Renate und Peter Loidolt der Sommertheater-Szene versetzt, als sie Anfang Mai überraschend die Festspiele Reichenau 2021 absagten und ihren Rücktritt nach über 30 Jahren an der Spitze des Festivals bekanntgaben.

Der Kurort war seit jeher sommerlicher Treffpunkt der Wiener Intelligenzia: Von Nestroy bis zu Schnitzler und Altenberg verlegten viele Künstler und Denker die Sommerresidenz nach Reichenau. Das Intendantenpaar Loidolt verstand es, die kulturgeschichtliche Bedeutung der Region zu nutzen, rückte die Literatur des Fin de siècle in den Mittelpunkt der Festspiele und trat mit einem All-Star-Ensemble aus Burgtheater, Josefstadt und Volkstheater an. Viele Jahre hinweg war das ein Erfolgsgarant.

Neustart

Bis jüngst ein Rechnungshofbericht Kritik an einer mitunter intransparenten Geschäftsgebarung übte. Die Geschäftsführung geriet unter Druck, es droht eine hohe Rückzahlung an Förderungen sowie eine Sammelklage einiger Künstlerinnen und Künstler unter Federführung von Nicolaus Hagg. Erschwerend kamen die Corona-Verordnungen dazu, die dem erfolgsverwöhnten Spielort einiges abverlangt hätten. Keine einfache Situation.

Die Zukunft der Festspiele Reichenau ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen. Der bestens etablierte Spielort soll jedenfalls erhalten bleiben. Will man eine glanzvolle Neuauflage der Festspiele im Sommer 2022 gewährleisten, müsste demnächst die Nachfolge bekannt gegeben werden. Vorläufig fällt jedenfalls der Vorhang in Reichenau.

Nur 36 Kilometer nördlich von Reichenau liegt Gutenstein. Die beiden Orte teilen nicht nur dieselbe malerische Landschaft, auch was das Sommertheater betrifft, verbindet sie ein ähnlicher Gründungsgedanke: Ferdinand Raimund, in vielem ein Außenseiter, zog es in der warmen Jahreszeit nämlich nicht in das mondäne Reichenau, sondern in die kleine Ortschaft Gutenstein. Raimunds Liebe zu Land und Leuten ist legendär, es gibt viele Anekdoten über den im Piestingtal wandernden Dichter. Wunschgemäß wurde Raimund auch in Gutenstein begraben.

Vor nunmehr 27 Jahren gründete Peter Janisch die Festspiele Guten-
stein, die seitdem (bis auf wenige Unterbrechungen) alljährlich ein Werk des Klassikers zeigen. Nach Andrea Eckert tritt nun der ehemalige Burg-Schauspieler Johannes Krisch die Intendanz in Gutenstein an.

Für die erste Spielzeit war der Planungszeitraum zu knapp bemessen, daher wird es in diesem Sommer nur Lesungen und Konzerte geben. Krisch habe aber vor, selten gespielte Stücke von Raimund zu zeigen - wie "Die gefesselte Phantasie" und "Moisasurs Zauberfluch". Gerade in diesen als unspielbar geltenden Stücken liege die Herausforderung: "Raimund war in seinen literarischen Exzessen ein Vorreiter", so Krisch.

Einen weiteren Intendantenwechsel gibt es in Langenlois. Der Musiktheater-Aficionado Christoph Wagner-Trenkwitz feiert das 25-Jahr-Jubiläum der Operette Langenlois stilvoll mit der Königin des Genres, der unverwüstlichen "Fledermaus". Wagner-Trenkwitz: "Es sind Menschen von heute, die uns in der ‚Fledermaus‘ begegnen. Die Handlung ist alles andere als belanglos, die Musik überwältigend." Wagner-Trenkwitz, seit bald 20 Jahren Chefdramaturg an der Wiener Volksoper, bewegt sich souverän zwischen den Genres des Musiktheaters: "Ich habe in Langenlois nicht vor, durch Operette zu schockieren, sondern möchte Unterhaltung auf hohem Niveau bieten."

Familienfreundlich

Gleich ein Doppel-Jubiläum begehen die Sommerspiele Melk. Seit 60 Jahren wird in Melk im Sommer gespielt und seit 20 Jahren ist Intendant Alexander Hauer für die Geschicke der Bühne verantwortlich. Hauer steht für Professionalisierung und Expansion. In dieser Spielzeit wagt er eine riskante Produktion: "Die 10 Gebote. #wiewirlebenwollen", ist ein Auftragswerk, bei dem zehn Autorinnen und Autoren, darunter Bernhard Aichner und Cornelia Travnicek, gebeten wurden, ein Minidrama rund um eines der zehn Gebote zu verfassen.

Neu am Start und dennoch bestens vertraut mit dem Spielort ist Alex Balga. Er wird seine Intendanz in Amstetten mit dem Musical "On your feet!" eröffnen und inszeniert seit vielen Jahren in Amstetten. "On your feet!" besitzt laut Musical-Kenner Balga alles für einen Bühnenhit: "Die Geschichte berührt, jeder kennt zumindest eins der Lieder und es ist eine Aufführung für die ganze Familie."

Mag der Theatersommer 2021 vielleicht auch bescheidener ausfallen, aber es geht wieder los. Juche.

Theaterfest Niederösterreich 18 Spielorte, 22 Produktionen,

13. Juni bis 11. September

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