Vom 19. Jahrhundert bis heute spannt sich der Bogen der letzten Ballett-Premiere der Saison. Drei Choreografien zu Werken russischer Komponisten rechtfertigen den Titel "Tänze Bilder Sinfonien".

Die Choreografen, George Balanchine und Alexei Ratmansky sind in St. Petersburg/Leningrad gestartet und, wenn auch nicht gemeinsam, in New York zu Ruhm gelangt. Der Abend endet mit der Uraufführung von Martin Schläpfers Choreografie "Sinfonie Nr. 15", zur letzten Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch.

Mit "Symphony in Three Movements" zur gleichnamigen Musik von Igor Strawinsky zeigt Balanchine drei Paare inmitten eines aktiven Ensembles, das wahren Sportsgeist zeigt. Wie bei einer Probe tragen die Tänzerinnen farblose Leotards, die Trikots der Solistinnen leuchten in zarten Rottönen. Im klassischen Schwarz-Weiß tanzt die Männerriege. Energische, eckige Bewegungen herrschen vor, die Arme werden gehoben, oft im rechten Winkel gebogen, als wollten die Tänzer Zeichen geben.

Die Schwierigkeiten, Strawinskys ständigem Wechsel von Tempo und Rhythmus zu folgen, sind dem Staatsballett nicht anzumerken, die Tänzer folgen der Musik, kantig, athletisch und elegant. Ein Fest des puren Tanzes.

Fröhliche Paare

Mit frenetischem Jubel werden die Tänzer und der anwesende Choreograf Alexei Ratmansky für "Bilder einer Ausstellung" zu Mussorgskis gleichnamiger Komposition belohnt. Ratmansky hält sich an die Klavierpartitur Mussorgskis und verzichtet auf die bekannte, etwas pastose Instrumentierung durch Maurice Ravel.

Einsam feiert die rumänische Pianistin Alina Bercu ihr Hausdebüt im Orchestergraben. So schlank und strukturiert wie Mussorgskis Musik zu zehn Bildern seines früh verstorbenen Freundes Viktor Hartmann klingt, so klar, fast durchsichtig sind auch die Bilder, die der Choreograf entwirft. Ratmansky hält sich nicht an die Titel der Bilder, sondern zieht die Bewegungen der zehn Tänzer aus der Musik.

Fünf fröhliche Paare treffen einander im Museum, sind nicht nur Besucher, sondern auch die Bilder. Nicht die verschollenen von Hartmann, die Musik, fröhlich und keck, dunkel und melancholisch, evoziert neue Bilder und treibt die Tänzer an. Phänomenal, wie das Bühnenbild von Wendall K. Harrington, der ein Aquarell von Wassily Kandinsky als Basis für die Projektionen verwendet. Die Farben der Malerei spiegelt Adeline André in den bunten Kostümen der zehn Tänzer.

Mit der 15. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch schließt der Abend in düsterer Stimmung. Martin Schläpfer holt nahezu das gesamte Ensemble auf die Bühne und zeigt eine Parade von Pas de deux, Solos und Gruppentänzen vor einem schwarzen, durch irritierende Flecken kaum aufgehellten Hintergrundbild von Thomas Ziegler. Das Schrittmaterial ist so abwechslungsreich, wie man es von Schläpfer gewohnt ist, es wird gezappelt und gelaufen, Gruppen ballen sich zusammen, Beziehungen funktionieren nicht. Die Musik ist gewaltig, nur anfangs fröhlich, am Ende wartet der Tod, der Komponist zitiert Richard Wagner. Wenn’s lustig sein soll, ist Rossini gefragt. Zitate aus seiner Oper "Wilhelm Tell" illustriert Schläpfer mit einem Apfel auf den Köpfen der Tänzer. Schostakowitsch bleibt hier der Sieger, seine Musik ist so aufwühlend und bedrückend, dass für Schläpfers Bilderbogen kaum mehr Raum bleibt. Dirigiert hat Robert Reimer, dessen Debüt an der Staatsoper mit großem Applaus honoriert wird.