Wie haben Landesbühnen Lockdown und Wiedereröffnung erlebt? Die "Wiener Zeitung" fragt nach bei Marie Rötzer, Intendantin des Landestheaters Niederösterreich, das 200-Jahr-Jubiläum der Bühne fiel mitten in die Corona-Saison.

"Wiener Zeitung":Für das diesjährige 200-Jahr-Jubiläum hatten Sie große Pläne, die weitgehend von der Pandemie vereitelt wurden. Was blieb vom Fest?

Marie Rötzer: Natürlich konnten wir das Jubiläum nicht in dem Maß feiern, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir prolongieren daher die Feiern und haben noch einiges bis Jänner 22 vor. Nichtsdestotrotz konnten wir zumindest das Bürgertheater "Eine Stadt sucht ihr Theater" von Bernhard Studlar, unter Leitung von Nehle Dick, und reger Beteiligung von etwa 70 Bürgerinnen und Bürgern umsetzen. Das Projekt lag mir besonders am Herzen, da das Theater in St. Pölten auf Betreiben der Bevölkerung entstanden ist. Es gibt zu "Eine Stadt sucht ihr Theater" auch einen Audio-Walk. Mit den Stimmen der Beteiligten im Ohr, gelangt man an Orte, die man sonst nie im Theater sehen würde. Es ist eine Entdeckungsreise in Geschichte und Gegenwart der Bühne. Man begibt sich im besten Sinne auf Abwege. Das Interesse ist groß, wir werden den Audio Walk weiterhin anbieten.

Wie hat das Landestheater NÖ die Corona-Zwangspause überstanden?

Das Theater ist seit jeher eine Kunstform, die sich gut aufs Improvisieren versteht, wir sind krisenerprobt und haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Wir hielten mit dem digitalen Spielplan "#wirkommenwieder" Kontakt zu unserem Publikum, wobei die Nachfrage unsere Erwartungen überstieg. Wir denken darüber nach, ob wir künftig mehr in diese Richtung gehen wollen, auch Virtual Reality und der Gaming-Bereich sind für uns interessant. Derzeit sind wir mit der FH St. Pölten in Kontakt, um in diesen Bereichen Neues auszuprobieren.

Herausragend war etwa der Theaterfilm "Yellow" von Luc Perceval, den Sie diesen März streamten.

Die Zusammenarbeit mit dem NT Gent war von langer Hand geplant und ist nun unter besonderen Umständen entstanden. Es ist ein Beispiel dafür, dass internationale Koproduktionen auch in krisenhafter Zeit möglich sind. Es war ein großes Abenteuer! Die Proben mussten aufgrund von Reiseverboten mehrmals unterbrochen werden. Regisseur Perceval wollte die Premiere nicht ein weiteres Mal zu verschieben, sondern im März eine Filmpremiere zu zeigen. Kommenden Herbst gibt es dann die Theaterpremiere in St. Pölten.

Wie gestaltete sich die Wiedereröffnung am 19. Mai?

Niederösterreich, Burgenland und Wien kamen ja aus dem harten Lockdown. Für uns hieß das: Probenstopp. Beide Premieren - die Uraufführung von "Monte Rosa" und "Kabale und Liebe" - kamen daher nach langen Pausen mit nur wenigen Auffrischungsproben auf die Bühne. Das war ein Kraftakt und ich bin dem ganzen Haus dankbar, dass wir das gemeinsam geschafft haben. Es war großartig, wieder vor Publikum spielen zu können.

Was beschäftigt die heimischen Landesbühnen gegenwärtig?

Es gibt ein Bedürfnis, Leitungsstrukturen neu zu denken. Wir streben etwa eine Wertevereinbarung an, einen Code of Conduct, was faire Bezahlung, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität auf und hinter der Bühne betrifft. Landesbühnen haben meist flache Hierarchien und könnten diese Ziele leichter umsetzen als große Bühnentanker.

Von Heiner Müller stammt der Ausspruch, man solle ein Jahr sämtliche Theater schließen, um festzustellen, was Theater sei. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Im Theater begreifen wir Gesellschaft als veränderbar. Das ist elementar. Daher ist die Bühne ein idealer Ort, um gesellschaftspolitisch relevante Themen aufzugreifen. Wir werden in der kommenden Spielzeit etwa Fragen des Klimawandels und der Nachhaltigkeit in Ibsens "Volksfeind" thematisieren, wir werden uns in "Othello" mit Diversität auseinandersetzen, wir werden die Frauenfiguren in Klassikern wie Nestroys "Talisman" und Brechts "Puntila und sein Knecht Matti" neu darstellen. Wir haben viel vor.