Mit 1. Juli fallen viele Corona-Beschränkungen. Perfektes Timing für die Sommerbühnen, die vom Ausnahmezustand beinahe in den Normalmodus wechseln können. Nur für eine Bühne kommen die Lockerungen zu spät: Die Festspiele Reichenau finden 2021 zum zweiten Mal in Folge nicht statt.

Seit Wochen wird hinter den Kulissen verhandelt. Am Donnerstag, 1. Juli, lädt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner um 13 Uhr zur Pressekonferenz, neben ihr wird NÖKU-Geschäftsführer Paul Gessl Platz nehmen und die neue Intendanz bekanntgeben. Was war los in Reichenau? Wie geht es weiter?

Familienbetrieb

Rückblende: Anfang Jänner dieses Jahres wurde ein Rechnungshof-Rohbericht publik, der die Förderung der Festspiele Reichenau durch das Land Niederösterreich untersuchte. Im Visier stand vor allem die Firmenkonstruktion, kritisiert wurde, "dass alles bei einer Familie zusammenlaufe". Peter Loidolt ist Gründer der Festspiele, Obmann des Kulturvereins und Intendant, seine Frau Renate ist Geschäftsführerin, zudem seien zwei weitere Unternehmen gegründet worden, die für die Festspiele Leistungen erbrachten, an deren Spitze ebenfalls das Ehepaar und dessen Tochter stünden.

Der Vorwurf, dass Fördermittel "vergaberechtswidrig, intransparent und unwirtschaftlich" verwendet wurden, muss das erfolgsgewöhnte Intendanten-Duo tief getroffen haben. "Ich bin durchaus der Meinung, dass diese Vorwürfe einfach nicht stimmen", so Renate Loidolt gegenüber der Apa. Am 4. Mai gaben die Loidolts bekannt, dass die Festspiele aufgrund der Corona-Verordnungen abgesagt werden, damals musste man noch mit einer 50-prozentigen Auslastung kalkulieren, das hätte einen Verlust von bis zu 1,2 Millionen Euro bedeutet. Tags darauf gab das Paar den Rücktritt nach über 30 Jahren an der Spitze der Festspiele bekannt. Noch in derselben Woche ließ Nicolaus Hagg mit der Meldung aufhorchen, dass er beabsichtige, mit einer Sammelklage vors Arbeitsgericht zu ziehen. Haag, als Schauspieler und Autor eng mit Reichenau verbunden, empörte sich, wie mit den Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wurde, die schon das zweite Jahr auf ihre Gage verzichten.

Eine glanzvolle Ära geht nun düster zu Ende. Die Loidolts verstanden es stets, die kulturgeschichtliche Bedeutung der Region zu nutzen. Das Erfolgsrezept seit 1988: die Literatur des Fin de siècle, ein All-Star-Ensemble aus Burgtheater, Josefstadt und Volkstheater und eher konventionelle Regie.

Während allerorts Corona-Rettungsschirme aufgespannt wurden, sollte, so die RH-Empfehlung, das Land Niederösterreich die Förderungen für die Festspiele Reichenau nicht nur einstellen, sondern sogar die letzte Förderung aus 2017 in Höhe von 462.000 Euro so gut es geht zurückfordern. Der RH-Endbericht steht noch aus. Aber die Kalamitäten rund um die Landesförderungen könnten das Nadelöhr sein, durch das die NÖKU ins Spiel kam. Die Niederösterreichische Kulturorganisation (NÖKU), 1999 gegründet, umfasst als Holding mehr als 30 künstlerische und wissenschaftliche Institutionen, darunter Flaggschiffe wie das Landestheater NÖ, die Tonkünstler und die Kunsthalle Krems.

Was bedeutet es, wenn das Familien-Unternehmen made by Loidolts ins Holding-Imperium NÖKU eingegliedert wird? Die Festspiele wären wirtschaftlich abgesichert. Controlling und Berichtswesen dürften weitere finanzielle Ungereimtheiten verhindern. Auch würde es fortan zu regelmäßigen Intendanten-Wechseln kommen, was mehr einer zeitgemäßen Leitung eines Kulturbetriebs entspricht, als das antiquierte Impresario-Modell. Freilich hat das Ganze auch einen Preis: Die künftige Intendanz wird zwar nicht gleich ihre künstlerische Unabhängigkeit, aber doch etwas von ihrer Autonomie einbüßen.

Wer könnte nun diese Funktion übernehmen? Die scheidenden Intendanten haben sich in einem "Kurier"-Interview für Regina Fritsch ausgesprochen. Die Burg-Schauspielerin gehört zu den Stützen des Reichenau-Ensembles und wäre ein Garant dafür, dass es im gewohnten Stil weitergehen werde. Einen Kontrapunkt würde etwa Anna-Maria Krassnigg setzen. Die Regisseurin und Professorin am Reinhardt-Seminar hat bereits 2015 am Reichenauer Thalhof ein Minifestival ins Leben gerufen. Auch Gernot Plass, Leiter des Wiener Theaters an der Gumpendorferstraße, wäre eine Option. Der Regisseur könnte mit seiner Art der moderaten Klassikerüberschreibung Reichenau behutsam erneuern, ohne das Abonnentenpublikum zu verschrecken. Doch genug orakelt. Bald gibt es Gewissheit.