Dem Anschein nach war an dem Termin nichts ungewöhnlich. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) hatte am Montag Medienvertreter zu einer Bootsfahrt eingeladen und ihnen den Stolz der burgenländischen Kulturszene präsentiert: die Kulissen der Festspiele Mörbisch. Ab nächstem Donnerstag wird die gigantische Seebühne Bernsteins "West Side Story" beheimaten und mit einem Nachbau der Freiheitsstatue auftrumpfen. Generalintendant Alfons Haider versprühte vor den Journalisten Vorfreude: "Am 8. Juli ist es so weit, wir dürfen wieder leben", jubelte er mit Blick auf die abflauende Pandemie. Doskozil freute sich über 83.000 schon verkaufte Karten - und darüber, dass Mörbisch heuer auf Musical setzt.

Das Mastermind fehlte

Eine Person suchte man aber vergeblich an Bord - und zwar das eigentliche Mastermind dieser Premiere, Peter Edelmann. Der 59-jährige Wiener hat die "West Side Story" auf den Spielplan gerückt, das Leading Team ausgewählt, die Sänger verpflichtet. Peter Edelmann ist nämlich der künstlerische Direktor der Seefestspiele bis zum August 2022. So steht es in seinem Vertrag. Tatsächlich wird er aber gerade scheibchenweise entmachtet - und seine Vorhaben für das Folgejahr wohl nicht mehr umsetzen dürfen. Der Grund: Der strauchelnde Prinzipal hat seine politische Rückendeckung verloren.

"Das ist mein Kind": Peter Edelmann im Bühnenbild von Leonard Bernsteins "West Side Story". - © Seefestspiele Mörbisch
"Das ist mein Kind": Peter Edelmann im Bühnenbild von Leonard Bernsteins "West Side Story". - © Seefestspiele Mörbisch

2017 standen die Dinge noch ganz anders: Edelmann wurde im "Operettenmekka" als Mann der Stunde gefeiert, denn er wetzte eine peinliche Scharte aus. Die Landeskultur hatte davor Gerald Pichowetz zum Intendanten designiert, trennte sich von diesem aber noch vor Dienstbeginn im Unfrieden. Kurzfristig zum Nachfolger gekrönt, versprach Edelmann Mörbisch für die nächsten fünf Jahre Gediegenheit. Die Schlachtrösser der Operette, geschmackvolle Austattungen und handverlesene Opernstimmen sollten dem Festival Glanz verleihen und es wieder in die Nähe jener Verkaufszahlen rücken, die Intendant Harald Serafin verbucht hatte. Zugegeben: Die Spitzenwerte aus diesen Boomjahren (rund 220.000 in einem Sommer) hat Edelmann nicht erklommen - sie dürften aber auch kaum mehr zu erreichen sein. In der Saison 2019, der letzten vor Corona, begrüßte Edelmann beim "Land des Lächelns" immerhin 120.000 Gäste - ein respektabler Wert im Vergleich mit den Vorsommern.

Danach verlor der studierte Opernsänger und Institutsvorstand von der Wiener Musikuni aber den politischen Rückhalt. Kulturlandesrat Helmut Bieler (SPÖ), verantwortlich für Edelmanns Kür, schied aus der Politik aus; der neue Landeshauptmann Doskozil, ein bekennender Musicalfreund, wechselte Ende 2020 scharf den Kurs: Er gab Alfons Haider den erstmals ausgeschriebenen Posten des Generalintendanten für die Festivals von Jennersdorf ("Jopera") und Mörbisch. Die Folgen für die Seefestspiele? Eine verfahrene Situation. Der Musical-Mann Haider besitzt für 2021 und ’22 genauso viel Macht wie der Klassik-Experte Edelmann. Jedenfalls auf dem Papier.

"Es ist grotesk"

Tatsächlich steht Mörbisch wohl eine ästhetische Kehrtwende bevor. Die für 2022 geplante "Lustige Witwe" dürfte dem Rodgers/Hammerstein-Musical "The King And I" zum Opfer fallen. Haiders Büro bestätigt dies bisher nicht, Edelmann aber dementiert nicht: "Wahrscheinlich wird das so stattfinden", sagt er - und das, obwohl die Vorarbeiten für die "Witwe" schon begonnen hätten. Ob Edelmanns Vertrag vorzeitig ausgezahlt werde, wisse er noch nicht. Dafür kann er seine Abwesenheit bei der Presse-Bootsfahrt erklären. Man habe ihn nicht nur "nicht eingeladen, sondern dezidiert gebeten, nicht zu kommen. Es ist grotesk."

Bleibt für Edelmann immerhin die Vorfreude auf die "West Side Story" - dieses einzige und (einzigartig niveauvolle) Musical, das er für seine Intendanz angesetzt hat. "Seit vier Jahren arbeite ich auf diese Premiere hin. Es war meine erste Tat in dem Job, mit dem Verlag über die Rechte zu reden." Sämtliche Rollen habe er besetzt, manche mehrfach wegen Corona-Verschiebungen. "Das ist mein Kind", stemmt er sich gegen den Eindruck, Haider habe das Stück sowie Regisseur Werner Sobotka und Dirigent Guido Mancusi an den See geholt. Immerhin - eines teilen sich Haider und Edelmann doch konsensuell auf: die Begrüßungsrede vor der Premiere. Der scheidende Chef wird sie eröffnen, der Nachfolger fortsetzen.