Am Mittwoch haben Blitz und Donner noch etwas dagegen gehabt, dass sich die Bühne vor der Perchtoldsdorfer Burg drehen durfte. Einen Tag später konnten die Sommerspiele mit der Premiere von Kleists "Der zerbrochne Krug" doch eröffnet werden. Das Lustspiel vom Dorfrichter Adam, der das Pech hat, dass doch glatt eine Revision in seinem Gericht ansteht, zum ultrablödesten Zeitpunkt, nämlich, nachdem er eine junge Frau bedrängt hat und allerlei Indizien hinterlassen hat, wirkt auf den ersten Blick gar schwerfällig.

Dabei sind die Themen, die Kleist behandelt, heute nicht weniger aktuell, wie der Blick in Tageszeitungen und U-Ausschüsse zeigt. Menschen, die ihr Amt nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, gibt es nach wie vor genug. Und das, was Richter Adam macht - einem jungen Mädchen vorgaukeln, dass man ihr aus der Misere helfen kann, wenn sie sich denn nur ein bisschen, nun ja, erkenntlich zeigt -, ist unter dem Schlagwort #MeToo in verschiedenen Ausformungen auch nicht gerade eine Nischenerscheinung.

Clark Kent im Hosenrock

Regisseurin Veronika Glatzner tappt aber nicht in die Falle, hier eine dröge, weil vordergründige Moral-Aktualisierung zu inszenieren. Hier wird das Lustspiel beim Namen genommen, wurde geschickt verknappt und bekommt, um die Handlung noch lächerlicher zu machen, eine bizarre Ausstattung (Bühne und Kostüm: Marie und Paul Sturminger). Die Kostüme wirken oft wie der Griff in die Faschingskiste, aber der Gerichtsrat (Dominik Warta) in kurzem Hosenrock mit Musterstrümpfen, roten Handschuhen und Clark-Kent-Gummiperücke macht Eindruck. Es ist auch recht lustig, wenn der Schreiber (Emanuel Fellmer) im Minirock mit Bauschdekor und halber Frisur auf die Bühne stürzt und ausgerechnet in dem Aufzug den Richter fragt: "Wie seht denn IHR aus?"

Kai Maertens, normalerweise ein bekanntes Gesicht vor allem aus dem Kriminalfernsehen, ist als eingedepschter Dorfrichter im japanisch verschneiderten Talar kaum zu erkennen. Er legt die Autoritätsperson im Dilemma reichlich hallervordenesk an. Beim Wein-Einschenken für den Gerichtsrat wartet man nur darauf, dass er ihm auch eine Flasche Pommes Frites anbietet. Birgit Stöger als Marthe Rull bringt ihren zerbrochenen Krug in der Neon-Bobo-Jutetasche und streut ihn als Beweisstück aus: Er ist wirklich sehr zerbrochen. Wie bei der Spurensicherung zieht sie sich Handschuhe an, bevor sie ihre Aussage macht.

Die Bühne ist spärlich, aber effektiv möbliert: In der Mitte dreht sich eine Rundcouch, die als Angeklagten- und Zeugenbank genauso fungiert wie als Haltestange für den totalen Emotionsausbruch. Ein Fauteuil mit eingebautem Hocker ist der Richterstuhl, gekrönt mit einem dieser typischen Mikrofone, mit denen sich die US-TV-Richter immer an Gerichtsdiener wenden und in das nicht nur Adam seine Manipulationsversuche flötet. Auch Hannah Rang als Eve nutzt es, um bei ihrer Nacherzählung des verhängnisvollen Abends zu markieren, dass sie nun den Richter imitiert. Rang verleiht der Opferrolle viel Kampfkraft. Und ist doch dann wieder Opfer einer überraschenden Wendung: Als sich am Ende der Gerichtsrat als nicht minder korrupt entpuppt und nach erfolgter Bredouillenbehebung sich mit einem Kuss auf Eves Mund belohnt.

Die Musik von Michael Pogo Kreiner und Daniel Helmer setzt den Blankversen Menuettklänge mit Bassnote entgegen. Das Ensemble ist spielfreudig: Marie Christine Friedrich stapft als Magd trampeldoof und Knackal-ähnlich im Busenbody über die Bühne und lässt als teufelsgläubige Zeugin Brigitte weißes Hexenhaar wehen, Philipp Laabmayr als Ruprecht ist ein engelhaft gelocktes Fähnchen im Wind der gerade kurz gültigen Zeugenaussage. Insgesamt wieder ein gelungener Abend bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, die ihrem Ruf als unterhaltsam-progressives Sommertheater weiter gerecht bleiben.