In einer Zeit, in der Direktoren, Regisseure und Kritiker wähnen, Opern müssten in erster Linie inszeniert werden, tut es gut, in Klosterneuburg Oper zu sehen, die vor allem gesungen und dirigiert wird. Im Jahr nach der Corona-Pause stellt Intendant Michael Garschall Giuseppe Verdis "La forza del destino" auf die Freiluftbühne im akustisch formidablen Kaiserhof des Stifts - und das Ensemble der Oper Klosterneuburg triumphiert. Man spürt den unbedingten Willen aller Mitwirkenden, nach der Zwangspause ein Zeichen zu setzen: Uns gibt es. Wir sind wichtig. Das ist im vollen Umfang gelungen.

Apropos Inszenierung: Darf man heute Oper noch so geradlinig erzählen, wie Julian Roman Pölsler das macht? - Und ob! Wenn man‘s kann. Pölsler kann es: Klare Personenkonstellationen, die Handlung, so unglaubwürdig, aber auch so spannend sie ist, steht im Zentrum. Kleine Anachronismen sagen: Feindschaften, Rachegedanken und Krieg gibt es heute wie damals. Weitere Aktualisierungen sind unnötig, das Klosterneuburger Publikum braucht keine Verständnisnachhilfen.

Farbe im Schwarzweiß: Margarita Gritskova und das Ensemble. - © Lukas Beck
Farbe im Schwarzweiß: Margarita Gritskova und das Ensemble. - © Lukas Beck

Optisch unvergesslich

Unterstützt wird Pölslers Inszenierung von Hans Kudlichs Bühnenbild und Andrea Hölzls Kostümen: Alles in Schwarzweiß, nur einzelne Farbtupfer heischen nach Aufmerksamkeit. Das Bühnenbild: schwarze Wände, glimmerglitzernd, die Kreuzsymbolik ist durchgezogen. Die Wände trennen die Menschen voneinander, das Kreuz der Bigotterie wohl auch. Das ist optisch unvergesslich!

Wie dieses Werk, an dessen Besetzung auch große Bühnen oft scheitern, in Klosterneuburg gesungen wird? - Hinreißend! Vor allem von Margarita Gritskova als Preziosilla: Eine Naturgewalt möchte man sie aufgrund ihrer Ausstrahlung nennen, und mit ihrer Prachtstimme singt sie den besten Rataplan, den man sich vorstellen kann.

Wunderbar lyrisch: Karina Flores (Leonora) mit einer unfassbar schön gehauchten "Pace"-Arie. Zurab Zurabishvili (Alvaro) forciert seinen in der Mittellage prächtigen Tenor in der Höhe etwas zusehr, insgesamt aber überzeugt er. David Babayants als Carlo - ein Bariton-Ereignis. Fabelhaft die buf-
fonesken Padres von Matheus
França und Marian Pop, ehrfurchtgebietend Walter Fink als Marchese. Lukas Johan (Alkalde, Chirurg), Anja Mittermüller (Curra) und der von Michael Schneider mustergültig einstudierte Chor komplettieren das Ensemble auf denkbar hohem Niveau.

Ein weiterer Pluspunkt der Aufführung sind auch in diesem Jahr das Orchester und der Dirigent Christoph Campestrini. Zumal Campestrini eine zusätzliche Meisterleistung erbracht hat, indem er die im Original ausufernde Oper kondensiert hat. Seine Klosterneuburger Fassung verzichtet auf den Maultiertreiber Trabuco ebenso wie auf manche Wiederholungen. Der Purist mag Zeter und Mordio schreien, der Opernliebhaber freut sich über eine jetzt vorandrängende Oper. Kein Grund mehr, auf die Uhr zu schauen.

Wie Campestrini aus Details Spannung gewinnt, Blechbläsersätze schärft, Holzbläserfarben auffrischt und Verdis Rhythmen explosiv auf die Spitze treibt, das hat schon sehr viel für sich. Die Beethoven Philharmonie reagiert entsprechend mit fabelhaft differenziertem Klang, makellosen Soli und einem Streicherklang, der schlank und sinnlich zugleich ist.

Auch die Ovationen des Publikums waren wohl ein Zeichen des Dankes für eine wiederaufblühende Kultur. Und das gleich auf solchem Niveau. Begeisternd!