Mit ihm wurden ganze Generationen an österreichischen Kindern vor dem Fernseher groß und erlebten unzählige Erwachsene unterhaltsame Theaterabende: Erich Schleyer ist am gestrigen Dienstag im Alter von 81 Jahren in Wien verstorben. Dies gab das Theaterhaus MuTh, wo Schleyer zuletzt erfolgreich war, am Mittwoch offiziell bekannt.

Dabei stammte der österreichische Kinderstar eigentlich aus Deutschland, wurde Schleyer doch am 1. März 1940 in Dresden geboren. Nach einem Studium an der Theaterhochschule Leipzig spielte er zunächst am Maxim-Gorki-Theater in Ost-Berlin. 1968 flüchtete er in den Westen und arbeitete bei Karlheinz Stroux in Düsseldorf sowie unter der Intendanz von Boy Gobert am Thalia Theater Hamburg. Bereits damals entdeckte er sein besonderes Talent, Sendungen für Kinder zu machen und feierte mit der TV-Kinder-Serie "Das feuerrote Spielmobil" in Deutschland erste Erfolge.

 

Ein Herz für Kinder

 

Dieses Talent brachte Schleyer dann auch in Österreich zum Blühen, wo er seine Fernseharbeit für und mit Kindern unter anderem mit den ORF-Sendungen "Erichs Chaos" oder "Der schiefe Turm" fortsetzte. Und als Kinderbuchautor trat Schleyer etwa mit seinen "Spirello"-Geschichten hervor, weiters erschienen die "Katze Nora" (1987) oder "Verschleyerte Geschichten" (1998).

Im Fernsehen war der humorvolle Mime aber auch in "Erwachsenenrollen" zu erleben und kam dabei auf Gastrollen in Formaten wie "Kommissar Rex", "Der Alte" oder "Tatort". Insgesamt über 350 Fernseh- und Filmrollen verkörperte Schleyer in seinem Leben, in dem auch die Bühne eine zentrale Rolle spielte.

In Wien hatte der Theaterschauspieler Anfang der 1980er-Jahre am Volkstheater in "Einer flog über das Kuckucksnest" einen großartigen Einstieg. Weitere Erfolge feierte er in Hans Gratzers Schauspielhaus, unter anderem in den queeren Klassikern "Rocky Horror Show" oder "Angels in America". Unter der Regie von George Tabori spielte er aber auch am Burg- oder Akademietheater "Die Massenmörderin und ihre Freunde", "Die Ballade vom Wiener Schnitzel" und den "Babylon Blues".

Im Theater an der Josefstadt war er beispielsweise als Peachum in der "Dreigroschenoper" oder in Peter Turrinis "C'est la vie - Eine Revue" zu sehen. Und am Volkstheater stand er etwa im "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" von Tony Kushner an der Spitze des Ensembles.

 

 

 

Dieses reichhaltige Lebenswerk, das er im Vorjahr mit dem künstlerischen Geburtstagsfest "Mit 80 wird nichts mehr verschleyert!" krönte, blieb auch nicht unbedankt. Abgesehen vom Zuspruch des Publikums wurde Erich Schleyer im Laufe seiner Karriere unter anderem mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und dem Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet.

 

 

Entsprechend groß war am Mittwoch auch das Bedauern in der Kulturpolitik. "Seine jahrzehntelangen, einzigartigen Verdienste vor allem um das junge Publikum machen Erich Schleyer in unserem Andenken unsterblich", würdigte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) etwa den Künstler in einer Aussendung, während Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) an die Theatermeriten Schleyers erinnerte: "Für die Theaterstadt Wien war es ein Glücksfall, dass sein bewegtes Leben Erich Schleyer hierher führte." Auch Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) zollte dem Verstorbenen ihren Respekt: "Mit Erich Schleyer ist ein besonderer Künstler und ein einzigartiger Mensch von uns gegangen. [...] Erich Schleyers außergewöhnliche Leistungen als Schauspieler, Autor oder Fotograf haben im deutschsprachigen Kulturgeschehen der letzten Jahrzehnte unverwechselbare Spuren hinterlassen."

Auszeichnungen und Ehrungen

Schleyer wurde dafür unter anderem mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und dem Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet. 2011 erhielt er den Berufstitel Professor verliehen.

Das Interview zum 80. Geburtstag

Es gibt zwei Rollen, auf die Erich Schleyer täglich angesprochen wird - und sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Einerseits erinnern sich Menschen an seinen Dr. Frank N. Furter in der "Rocky Horror Show" aus dem Jahr 1984, andere denken sofort an die Sendung "Erichs Chaos", mit der Schleyer Anfang der 1990er das ORF-Kinderfernsehen bereicherte. Nun wird er 80 und ist voller Tatendrang.

"Da kommt gleich der Bruch", lacht der Schauspieler und Autor im APA-Interview anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 2020.

"Es ist kein Fluch, aber... Strapsträger und Kinderonkel, das ist ein Riesengebiet. Die Einzigen, die mich am Theater dann noch für die ernsten Stücke engagiert haben, waren George Tabori und Hans Gratzer." Die Namen der beiden Regisseure fallen im Laufe des Gesprächs oft. Kein Wunder, stand Schleyer doch in der Regie von Tabori am Burg- und Akademietheater in "Die Massenmörderin und ihre Freunde", "Die Ballade vom Wiener Schnitzel" oder "Babylon Blues" auf der Bühne. In Hans Gratzers Schauspielhaus-Zeit fiel nicht nur die "Rocky Horror Show", sondern etwa auch Erfolge wie "Angels in America", an der Josefstadt arbeiteten die beiden bei Brechts "Dreigroschenoper" oder Nestroys "Mann, Frau, Kind" zusammen.

Dabei hätte es durchaus sein können, dass Erich Schleyer niemals als heimischer Frank N. Furter in die Geschichte eingegangen wäre: "Hätte ich zur Premiere eine Doppelbesetzung gehabt, ich wäre abgehauen", lacht der gebürtige Deutsche, der 1968 aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen war und sich 1982 in Wien niedergelassen hat. "Ich konnte kein Englisch, ich hab keinen Rock 'n' Roll gesungen und ich war schon 45", zeigt er sich selbstkritisch. "Aber ich habe Andy Radovan gehabt, der jeden Abend mit mir die Songs geübt hat. Das war eine Heidenarbeit, bis aus mir etwas rausgekommen ist. Das war erstaunlich."

Ein festes Engagement an einem der Häuser hatte und wollte Schleyer nie. "Das wäre gar nicht möglich gewesen", spielt er auf zahlreiche Gastspiele auch in Deutschland sowie regelmäßige Fernsehauftritte an. "Ich war immer frei. Dass da am Plan steht, was ich zu spielen habe, ging ab einer gewissen Zeit nicht." Stolz ist er jedenfalls darauf, dass er "jedem Theater, wo ich gespielt habe, auch ein Kinderprogramm aufgezwungen habe". Dabei habe er jedoch selten klassische Rollen in Kinderstücken gespielt, sondern sich mehr aufs Erzählen verlegt. So wurde Schleyer auch zum Autor, der mittlerweile auf eine Liste an Kinderbüchern verweisen kann. Beim Geschichtenerzählen habe er auch immer er selbst bleiben können, einen Bühnennamen wollte er nie haben: "Da war ich immer der Erich. Alle meine Sendungen hatten mit Erich zu tun, weil ich auf der Straße nicht mit 'Onkel Lallemann' oder so angesprochen werden wollte. 'Enrico' war toll, aber so etwas wollte ich nicht." Und so erinnert man sich heute eben an "Erichs Chaos".

Sein künstlerisches Herz für Kinder entdeckte Schleyer schon früh: "Schon mit sechs oder sieben Jahren habe ich Kasperpuppen gemacht und Kinder entertaint. Bei meinem ersten Engagement haben wir dann die 'Bremer Stadtmusikanten' gespielt, ich war der Hahn. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und kannte jede Bewegung, und die Leute haben hinter mir hergebrüllt. Da fing die Sache mit den Kindern an." Ob sich Kinder als Publikum im Laufe der Jahrzehnte verändert haben? Schleyer nickt: "Kinder werden heute ernster genommen, und ihnen wird zugemutet, mit anderen Themen umzugehen als früher. Ich war aber nie 'eididei', ich habe mit Kindern so gesprochen wie mit Erwachsenen." Die Kinder selbst seien heute "teilweise klüger, aber auch unaufmerksamer und du musst mehr Bauernfänger-Methoden anwenden, um sie zu halten."

Was Erich Schleyer nach wie vor antreibt, ist seine "absolute Neugierde": "Ich brauche sicher noch zehn Jahre, wenn ich tot bin, weil ich so viel geschrieben und gemacht habe. Ich werde einfach nicht fertig." Dennoch gehe er es mittlerweile ruhiger an, er sei "nicht mehr ganz so hektisch wie früher". Seine ungebrochene Bekanntheit stört ihn nicht. Und wenn, fährt er zu seinem Zweitwohnsitz in München. "Dort bin ich frei!" Früher sei er von Deutschland nach Wien gefahren, um unerkannt zu bleiben, mittlerweile sei es umgekehrt. "Als ich von Deutschland weggegangen bin, da kannte mich fast jede Nase auf der Straße", spielt er auf Fernseherfolge wie etwa "Die rote Zora" an. Erste Alterserscheinungen wischt er beiseite: "Wenn ich in den Spiegel schau, bin ich alt. Innerlich geht es weiter. Es zwickt da und dort, das weiß man, das ist gemein. Aber ich habe nach wie vor eine irrsinnige Lust, mich auszudrücken. Vielleicht bin ich noch gar nicht da, wo ich eigentlich hinwill." (apa)