Manchmal gewinnt ein Theaterstück unverhofft an Aktualität. So wie Ray Cooneys "Außer Kontrolle". Darin schwänzt nämlich ein Minister eine Parlamentsdebatte, um sich mit der Sekretärin des Oppositionsführers in einem Londoner Hotel zu vergnügen, während die eigene Frau daheim "Pretty Woman" schaut. Im echten Leben ist vor wenigen Tagen der britische Minister Matt Hancock über eine Affäre mit seiner Abteilungsleiterin gestolpert. Zurücktreten musste der Gesundheitsminister allerdings vor allem, weil er dabei Corona-Abstandsregeln missachtet hatte. Und peinlich genug: Das Ganze war auf Video festgehalten worden.

Bei den Schloss-Spielen Kobersdorf, wo Corona eigentlich keine Rolle spielt und im Freien nun eine Vollbestuhlung möglich ist, wird es auf andere Weise hochnotpeinlich. Denn dort sind Minister Richard Willey (Intendant Wolfgang Böck) und sein Gspusi Jane (Nanette Waidmann) beim Schäferstündchen im Hotel plötzlich mit einer Leiche (Michael Reiter) konfrontiert, woraufhin Willeys Sekretär George (Alexander Jagsch) herbeordert wird, um den Schaden zu beseitigen. Dass das nicht gutgehen kann, liegt auf der Hand.

Es bleibt beim Wollen, denn gleich wird die Leiche auftauchen und alles durcheinanderbringen? - © Wolfgang Voglhuber
Es bleibt beim Wollen, denn gleich wird die Leiche auftauchen und alles durcheinanderbringen? - © Wolfgang Voglhuber

Eine Lüge führt zur nächsten

Und so folgt, was folgen muss: eine aberwitzige Verwechslungskomödie, in der dann auch noch Janes gehörnter Ehemann Ronnie (Daniel Keberle), Willeys Gattin Pamela (Hemma Clementi) und die Pflegerin von Georges Mutter (Barbara Spitz) auftauchen und für immer neue pikante Szenen sorgen. Und weil das Ganze in einem Hotel spielt, gilt es auch noch dessen Direktor (Wolf Bachofner) ruhigzustellen. Nur gut, dass wenigstens der Page (Markus Freistätter) immer eine Lösung bei der (stets für Trinkgeld ausgestreckten) Hand hat. Eine Lüge führt dabei zur nächsten, und irgendwann hat man auf der Bühne den Überblick verloren, wer denn nun für wen wie heißt.

Markus Freistätter spielt als Hotelpage eine wichtige (Neben-)Rolle. - © Wolfgang Voglhuber
Markus Freistätter spielt als Hotelpage eine wichtige (Neben-)Rolle. - © Wolfgang Voglhuber

Wolfgang Böck und sein Ensemble geben zweieinhalb Stunden lang Vollgas (Regie: Andy Hallwaxx) vor einem liebevoll gestalteten Bühnenbild (Erich Uiberlacker), in dem ein Schiebefenster mit Eigenleben als Running Gag im Mittelpunkt steht. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Sekretärin Jane ist nach dem Leichenfund aufgelöst, ihr Mann Ronnie höchst labil, der Hoteldirektor misstrauisch, der Page aufdringlich, Sekretär George heillos überfordert und Minister Willey verzweifelt bemüht, alles zusammenzuhalten - oder besser gesagt: alle auseinanderzuhalten, um unliebsame Begegnungen zu verhindern. Das führt zu jenen absurden, überzeichneten Situationen, von deren Komik eine solche Komödie lebt.

Michael Reiter (im Pyjama) ist eine hinreichende Leiche. Hemma Clementi bringt als betrogene Pamela Willey den Minister (Wolfgang Böck, links) und seinen Sekretär (Alexander Jagsch, rechts) gehörig ins Schwitzen. - © Wolfgang Voglhuber
Michael Reiter (im Pyjama) ist eine hinreichende Leiche. Hemma Clementi bringt als betrogene Pamela Willey den Minister (Wolfgang Böck, links) und seinen Sekretär (Alexander Jagsch, rechts) gehörig ins Schwitzen. - © Wolfgang Voglhuber

Angst und Machtgehabe

Die Triebfeder all dessen ist die Angst eines Mächtigen vor der Entlarvung seiner Heuchelei und deren Folgen für seine Karriere, wobei der Minister sehr rasch wieder zum Machtgehabe zurückfindet, andere ausnutzt und sich abputzt. Abgesehen von diesem politsatirischen Aspekt wirkt "Außer Kontrolle", als hätte Autor Ray Cooney Louis de Funes’ "Hasch mich - ich bin der Mörder" und Ted Kotcheffs "Immer Ärger mit Bernie" in den Turbomixer gesteckt und das Ergebnis scharf angebraten.

Das hitzige Treiben im Londoner Westminster Hotel stand an diesem Premierenabend in Kobersdorf dem zeitgleich in London stattfindenden EM-Elferkrimi zwischen Italien und Spanien jedenfalls an Spannung um nichts nach (Intendant Böck hielt das Publikum auf dem Laufenden). Auch, weil der Autor seinen Protagonisten Richard Willey zwar absolut unsympathisch gezeichnet hat - und trotzdem kommt man nicht umhin, mit diesem moralisch verwerflichen Ehebrecher mitzufiebern. Oder ist es einfach nur das Mitleid mit dem von ihm abhängigen George, dem man jeden noch so kleinen Sieg gönnt?