Eigentlich hätten die Feindseligkeiten erst nach der Ouvertüre auf der Bühne beginnen sollen. Die Eigenheiten der burgenländischen Kulturpolitik sorgten aber dafür, dass am schwülen Donnerstag schon vor dem ersten Takt der "West Side Story" ein Lagerkonflikt an der Rampe der Festspiele Mörbisch Gestalt annahm. Auftritt Peter Edelmann: Abweichend von seinem bisherigen Operettenkurs, hat der künstlerische Direktor Bernsteins Musical an den Neusiedler See geholt. Die Pläne für seine Abschluss-Saison 2022 musste er jedoch begraben, weil ihm unverhofft ein Generalintendant - mit ganz eigenen Ideen - vor die Nase gesetzt wurde. Das Missvergnügen darüber verhehlten Edelmanns Begrüßungsworte nicht. "Ich träume von einem Ort", spielte er auf den Song "Somewhere" an, an dem noch "Musiktheater möglich ist, das von Fachleuten gemacht wird" und wo man "nicht durch die Befindlichkeiten anderer entmachtet wird". Sprach’s und übergab das Mikrofon an den etwas verdattert dreinblickenden Generalintendanten - nämlich Alfons Haider. Der entgegnete so höflich wie bestimmt, dass die Freiheit der Kunst in Mörbisch gewahrt bleibe - und versprach, das Qualitätsniveau des bisher operettigen Festivals zu halten, auch wenn er, Haider, vornehmlich auf Musical setzen und 2022 mit "The King and I" beginnen wird.

Backsteinwand und Feuertreppe

Nun, man wird ja sehen. Die Gegenwart bietet Edelmann zumindest ein Quäntchen Trost, denn die Chancen auf einen Abgang im Triumph könnten kaum besser stehen. Zum einen zählt Bernsteins "West Side Story" (1957) zu jenen raren Musicals, die Qualität mit Zugkraft verbinden. Zum anderen weiß die Mörbischer Neuproduktion die Trümpfe dieser amerikanischen "Romeo und Julia"-Variante gekonnt auszuspielen: musikalisch, szenisch und tänzerisch.

Walter Vogelweiders Bühnenbild setzt vor allem auf nostalgische Schauwerte: Backsteinmauer, Feuertreppe und Oldtimer gemahnen an das New York der Uraufführungszeit. Sogar eine Wiedergängerin der Freiheitsstatue reckt sich aus dem See, überblickt die Bandenfehde zwischen den Jets und ihren Latino-Erzfeinden, den Sharks. Der kurzweilige Abend nimmt dabei nicht zuletzt Maß an der Verfilmung von 1961. Die schnittigen Choreografien, von Jonathan Huor exzellent mit der Musik synchronisiert, bekräftigen das Vorbild ebenso wie die Turnsaal-Szene, in der die Herzen von Tony und Maria füreinander entflammen und die Welt rundum zu verschwimmen scheint.

Stimmt zwar: Der elegante Retro-Ansatz, auch an den Kostümen (Karin Fritz) ersichtlich, lässt die Armut der Protagonisten teils unter den Tisch fallen. Dafür hat Regisseur Werner Sobotka dem Abend einige charismatische Momente eingewoben. Etwa, wenn sich die Feuertreppe in der ersten Liebesszene sanft zur Bühnenmitte verschiebt, als wäre sie von den Emotionen selbst entrückt worden. Berührend auch, wie zu den Klängen von "Somewhere" eine Friedensutopie beschworen wird, die jählings der Realität der Bandenmorde weicht. Starker Tobak schließlich, wenn die hilfsbereite Anita im zweiten Akt den Jets die Tür einrennt: Nachdem sie hier für wenige hässliche Momente zum Vergewaltigungsopfer wird, schlägt ihr Vermittlungswille in blanken Hass um. Erst am Ende, wenn die Gewaltspirale auch Tony ins Grab gerissen hat, gehen die Sharks und Jets in einer Art Reißverschluss-System mit offenen Armen aufeinander zu - ein schlichtes, doch tränentreibendes Ende.

Das Festspielorchester verstärkt diese Emotionen nach Kräften: Dirigent Guido Mancusi kostet die schneidigen Rhythmen von Bernsteins Pop-Überhöhungen ebenso aus wie dessen flirrenden Klangfarben. Vor allem sieht der Premierenabend eine imposante Besetzung: Andreja Zidarič (Maria) besticht mit schwirrendem, schwebendem Sopran, Paul Schweinester (Tony) mit profunden Brustregister und (fast) blitzsauberen Spitzentönen; Fin Holzwart und Paul Csitkovics geben die beiden Bandenführer gebührend hitzköpfig. Zuletzt ausgiebiger Beifall, auch für Peter Edelmann in zwei kleinen Rollen - darunter auch jener des Tanzmeisters Gladhand, dessen Appelle im unwirtlichen Umfeld der rivalisierenden Gangs verhallen.