Im Rückblick-Modus ist Helga Rabl-Stadler definitiv noch nicht, steht doch ab Samstag ein herausfordernder Festspielsommer vor der Türe. Ein Gespräch über Umbaupläne, neue Nachdenklichkeit und pandemiekonformes Händeschütteln.

"Wiener Zeitung": Mit 1. Juli, zwei Wochen vor Festspielstart, fielen die Platzbegrenzungen im Kulturbetrieb. War das budgetär so eingeplant?

Helga Rabl-Stadler: Wir haben im November unser Programm und Budget mit voller Bestuhlung erstellt und präsentiert. Es hat doch kein Mensch erfürchtet, dass auch dieser Frühling dermaßen im Schatten der Pandemie abläuft. Diese Pläne mussten wir Anfang 2021 bang korrigieren auf eine Zweidrittel-Auslastung, das hätte ein Millionendefizit verursacht. Erst im Juni hat sich herausgestellt, dass wir voll besetzt spielen - und damit mehr Karten anbieten - können.

Möchte nicht zurück in die Politik: Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. - © apa / Barbara Gindl
Möchte nicht zurück in die Politik: Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. - © apa / Barbara Gindl

Waren Sie einbezogen bei der Erarbeitung der Öffnungsschritte?

Es gab zahlreiche intensive Gespräche mit der Politik - mit der sehr empathischen Staatssekretärin Andrea Mayer, aber wir haben auch Schützenhilfe vom Wirtschaftskammer-Präsidenten Harald Mahrer und Tourismusministerin Elisabeth Köstinger erhalten. Die beiden haben sehr früh erkannt, dass die Öffnung von Kunst und Kultur für den Tourismus von enormer Bedeutung ist als Wirtschaftsfaktor.

Neben 3G und Masken erwartet die Besucher heuer ein Sommer wie damals?

Ich hoffe, dass sich dieser Sommer möglichst wenig unterscheidet; dass Menschen das Live-Erlebnis wieder voll genießen können. Festspiele sind eine Begeisterungsgemeinschaft, wie Bazon Brock es nannte. Das haben wir dem Streaming voraus.

Stummer wie imposanter Zeuge eines Festspiel-Jahrhunderts: der Löwe am Dach des Salzburger Hauses für Mozart. - © SF / Andreas Kolarik
Stummer wie imposanter Zeuge eines Festspiel-Jahrhunderts: der Löwe am Dach des Salzburger Hauses für Mozart. - © SF / Andreas Kolarik

Wird das Festspielpublikum 2021 wieder internationaler?

Da bin ich zuversichtlich. Doch Gäste aus 80 Nationen, davon 35 aus nichteuropäischen Staaten, das wird sicher nicht sein. Es wird definitiv europäischer sein diesen Sommer. Aber die Nachfrage ist enorm, darin sehe ich auch eine Art Belohnung für den Mut, den wir im vergangenen Sommer bewiesen haben, indem wir gespielt haben. Die Leute haben enormes Vertrauen in die Festspiele. Wir hatten immerhin bei 76.000 Besuchern und 3000 Künstlern keinen einzigen positiven Corona-Fall.

Der Sommer 2021 ist ja der zweite Teil des 2020 begonnenen Jubiläumsprogramms der Festspiele. Sind die Feierlichkeiten damit alle realisiert?

Fast. Für die "Boris Godunow"-Produktion haben wir leider nicht mehr alle Künstler zusammenbekommen. Und tragischerweise ist Mariss Jansons gestorben, ein Verlust, der mich besonders trifft. Ein unersetzbarer Künstler und Mensch. Zu den künstlerischen Aktivitäten wird es heuer einige Symposien geben, etwa eines zum Thema "Hoffnung". Und wir werden drei zentrale Figuren ehren, die die Festspiele maßgeblich geprägt haben: die Intendanten Gerard Mortier und Herbert von Karajan sowie den Komponisten, Dirigenten und Freundeskreis-Gründer Bernhard Paumgartner.

Gemeinsames Nachdenken über die Welt ist mittlerweile zentraler Bestandteil vieler Kulturfestivals geworden. Wie kam es in Salzburg dazu?

Da sind Markus Hinterhäuser und ich in einem edlen Wettstreit miteinander, wer noch etwas erfindet. Wir haben dieses Riesen-Privileg, dass Menschen im Sommer nach Salzburg kommen, um sich völlig auf Kunst und Kultur einzustellen und einzulassen. Wir sehen, dass auch nach den Vorstellungen der Bedarf besteht, über die großen Themen, die dort verhandelt werden, weiter zu diskutieren. Dieses Bedürfnis greifen wir in den Diskursformaten auf.

Die Hofstallgasse in der Altstadt mit Festungsblick bildet ab Samstag wieder das pulsierende Herz der Salzburger Festspiele. - © SF / Andreas Kolarik
Die Hofstallgasse in der Altstadt mit Festungsblick bildet ab Samstag wieder das pulsierende Herz der Salzburger Festspiele. - © SF / Andreas Kolarik

Sie haben mit Julian Nida-Rümelin auch wieder einen Philosophen als Festspielredner. Wie kam das?

Er hat sich sehr intensiv mit dem Thema Risiko beschäftigt in der Krise, auch jüngst ein Buch dazu herausgebracht. Er hat selbst auch politische Erfahrung und ist einer, der für das Risiko steht und für die Utopie - und für den Gewinn, der in beidem steckt. Mit meinem Lieblingssatz "Risiko ist die Bugwelle des Erfolges" bin ich 30 Jahre gut gefahren. Ohne Risiko kein Erfolg.

Wie haben die Festspiele die Corona-Krise bisher finanziell überlebt?

Normalerweise können wir immer wieder Rücklagen machen, das ging natürlich nicht. Aber dank des strengen Kostenmanagements von Finanzdirektor Lukas Crepaz und der staatlichen Hilfen wie der Kurzarbeit sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Dazu sind die Subventionen voll ausbezahlt worden, sogar das Sonderbudget für das Jubiläumsprogramm. Das hat uns gerettet.

2024 starten Generalsanierung und Erweiterung der Festspielhäuser. 270 Millionen Euro sind budgetiert. Wie ist da der aktuelle Plan?

Es steht eigentlich alles an, das Große Festspielhaus wurde seit 1960 nie saniert. Das ist derart gut gebaut, dass wir jetzt erst etwas machen müssen. Und das Haus für Mozart musste ohne eine neue Bühne ausgebaut werden, die stammt aus den 1970ern. Dazu kommen neue Versorgungswege im Hintergrund, wir möchten auch die Verkehrswege entlasten, einen Tunnel durch den Mönchsberg machen. Das ist in jeder Hinsicht heikles Terrain und eine Riesenaufgabe, die da auf die Festspiele zukommt. Zugleich eine dringend nötige Investition in die Zukunft.

Welche Spuren hat die Krise bisher bei den Festspielen hinterlassen?

Es ist eine zusätzliche Nachdenklichkeit eingezogen. Festspiele sollen ja mehr sein als eine Aneinanderreihung von Events. Da sind wir mit Markus Hinterhäuser auf dem richtigen Weg für eine Erzählung, die zum Nachdenken bringt. Festspiele haben auch die Verantwortung, Menschen zum Nachdenken anzuregen - nicht mit vorschnellen Antworten, sondern mit unerwarteten und auch ungewöhnlichen Fragemöglichkeiten.

Wie hat sich die Haltung der Stadt den Festspielen gegenüber gewandelt?

Wenn wir jetzt durch die Stadt gehen, werden wir seit der Krise vermehrt angesprochen. Man ist sich bewusster, was Salzburg an den Festspielen hat, freut sich mit uns, dass wir spielen können. Diese Wertschätzung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung der Festspiele spüren wir stärker.

Was sich nachhaltig gewandelt hat, sind Begrüßungsrituale. Sie müssen traditionell viele Hände schütteln und Wangen küssen. Wie reagieren Sie da?

Durch ein Lächeln, das man auch von den Augen ablesen kann - trotz Maske. Ich möchte gar nicht mehr zum Händeschütteln zurückkehren, ich mag auch die boxenden Fäuste nicht. Ich bin kein aggressiver Mensch. Man kann ein Willkommen, seine Freude ja auch mit einer offenen Körperhaltung, mit ausgebreiteten Armen signalisieren. Aber ich freue mich schon darauf, wenn das gesellschaftliche Leben wieder möglich sein wird, denn auch das gehört zu den Festspielen.

Finanzdirektor Lukas Crepaz wurde gerade bis 2027 verlängert, Intendant Markus Hinterhäuser bis 2026. Ihr Vertrag endet mit 2021, nach 27 Saisonen. Ist nach vielen Verlängerungen da das letzte Wort gesprochen?

Ja, das ist es. Es freut mich, dass ich in einer Phase gehe, wo Menschen mich wertschätzen, wo ich gehen will und nicht muss. Dieses Jahr ist eine schöne Abrundung. Aber ich fühle mich nach sechs Intendanten und nach diesen Krisenjahren wie eine Marathonläuferin.

 

Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer hat Ihren Namen kürzlich wieder als mögliche ÖVP-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin genannt. War das abgesprochen?

Das war es nicht. Er schätzt mich und ich ihn. Es ist eine Ehre, wenn er mich nennt. Doch ich habe definitiv ausgeschlossen, in der aktuellen Situation, bei diesem Zustand der Sozialen Medien, aber auch der politischen Kultur zurück in die Politik zu gehen. Außerdem würde ich mich freuen, wenn unser nächster Bundespräsident wieder Alexander Van der Bellen hieße.