Das Publikum sitzt sardinendicht (ja, sowieso, ist erlaubt), aber die Dramaturgie der Aufführung ist fest in Händen von Corona Virus. Das erschwert beträchtlich die Bewertung der Badener Produktion von Johann Strauß‘ Operette "Eine Nacht in Venedig". Denn wenn die Lockerungen mitten in der Probenarbeit bekannt gegeben werden, lässt sich nicht mehr so leicht umdisponieren. Sprechtheater kann da geschmeidiger reagieren als Musiktheater.

Zum Beispiel beschränkt die Badener Aufführung das Ballett auf ein paar Tänzer mit geringer Tuchfühlung, und der Chorpart ist auf die Solisten aufgeteilt.

Dadurch entsteht eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Werk und der Aufführungsfassung. Während nämlich auf der Bühne alles auf eine Kammerversion heruntergebrochen ist, quillt das Orchester über und füllt mit den Holzbläsern die Proszeniumslogen. Dirigent Michael Zehetner, an sich um schmissige Tempi und knackige Rhythmen bemüht, ist machtlos gegen die verschobene Balance. Strauß‘ Neigung, in der Instrumentierung die Holzbläser hervorzuheben, führt zu gleichsam konzertanten Klarinetten-, Oboen-, Flöten- und Fagottstimmen, die so nun auch wieder nicht gemeint waren. Und eine große Ausstattungsoperette pausenlos durchzuhasten, ist befremdlich.

Doch so hat es Dramaturg Corona Virus nun einmal verlangt.

Die Not zur Tugend gemacht

Akzeptiert man diese Gegebenheiten, dann ist von einem fulminanten Abend zu berichten, der den Abstecher nach Baden lohnt. Denn hier gilt, dass aus der Not eine Tugend wurde.

Regisseur Thomas Smolej zum Beispiel setzt auf eine absichtlich überdrehte Regie, in der das schon im Original jämmerliche Libretto den Reiz des Absurden entfaltet. Für solchen Witz wäre das Umschreiben der Sprechtexte auf vulgär gar nicht in solch einem Umfang notwendig gewesen.

Smolejs Absichten werden von Monika Biegler (Bühnenbild und Kostüme) und Alexia Redl (Kostüme) glänzend unterstützt: Das ist grell, pointiert, bizarr, besticht mit dem Reiz des Surrealen, pfropft aber dem Stück nichts auf, was nicht drin wäre.

Gesungen wird durchwegs fabelhaft und in einem Fall geradezu grandios: Ein besserer Tenor für den Urbino als Iurie Ciobano ist kaum vorstellbar. Metallischer Glanz, sichere Höhe, eine Persönlichkeit mit Ausstrahlung - einfach hinreißend! Glänzend auch Clemens Kerschbaumer als mehr lyrischer denn buffonesker Caramello und Ivana Zdravkova als höhensichere, ungemein anziehende Annina. Verena Barth-Jurca (Ciboletta), Susanna Hirschler (Barbara), Sylvia Rieser (Agricola), Ricardo Frenzel Baudisch (Pappacoda), Roman Frankl (Delacqua), Thomas Malik (Barbaruccio), Beppo Binder (Testaccio) und Lukas Strasser (Piselli, Centurio) komplettieren das Ensemble auf hohem Niveau. Jan Bezak und Natalia Bezak sind als Clowns hinzugefügt - und glänzen in ihrem pantomimischen Job.

Und so wird aus der Verlegenheitslösung letzten Endes ein quirliges Sommervergnügen. Das Publikum dankte für die Freud‘, die es endlich wieder haben durfte, mit deutlichem Applaus.