Auf den ersten Ton der Titelfigur muss man in Giacomo Puccinis "Turandot" eine halbe Oper lang warten. Noch länger gedulden musste sich Martina Serafin für ihren Auftritt in der Hauptrolle von Puccinis letztem Werk im Steinbruch St. Margarethen. Die Inszenierung von US-Regisseur Thaddeus Strassberger konnte pandemiebedingt 2020 nicht stattfinden. Am Mittwoch durfte der künstlerische Direktor Daniel Serafin nun das Publikum in der Naturarena zur Premiere begrüßen. Vor einer überwältigenden Kulisse von Paul Tate dePoo III: Seit Mai hat man an den 7.000 Quadratmetern Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion stützen eine detailreich gestaltete Fantasiewelt, inspiriert von asiatischer Schnitzkunst. Das Reich des chinesischen Kaisers Altoum wird von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot erscheint - vorerst noch stumm - gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens.

Bei der Ausgestaltung der Handlung konzentriert man sich einerseits auf die Wandlung von Turandot und das Einreißen der emotionalen Mauern, die sie um sich gebaut hat. Andererseits lässt die überschaubare Geschichte viel Platz für raumgreifende Tableaus.

Im Steinbruch wimmelt es

Prinzessin eines chinesischen Fantasiereichs: Martina Serafin als Turandot. - © Jerzy Bin
Prinzessin eines chinesischen Fantasiereichs: Martina Serafin als Turandot. - © Jerzy Bin

Wahre Wimmelbilder hat Strassberger in den Steinbruch gesetzt. Exotismus-Fragen werden dabei erst gar nicht gestreift, Kostümbildner Giuseppe Palella darf ins Volle greifen: Japanische Ninja-Kämpfer, indische Affengeister, Feuer-Jongleure, Lampion-Trägerinnen, leicht bekleidete Akrobaten, Tänzerinnen in schwarzen Leder-Tops, als Porzellanpüppchen stilisierte Frauenfiguren, waghalsige Felskletterer, ja sogar Schamanen bevölkern die Bühne - letztere trommeln Turandots inneren Aufbruch ein.

Das funktioniert nicht nur im Sinne des Spektakels gut, denn die Mannschaft rund um Strassberger findet immer wieder packende Bilder - etwa wenn der Geist der tapferen Liù in einer Barke von der Bühne gleitet. Und während des Schlussakkords deutet sich mit dem Mord am Kaiser eine Palastrevolution an. Ein US-amerikanisches Lichtdesign-Team verstärkt die Inszenierungsideen mit geschickten Projektionen - der goldene Käfig öffnet sich für Turandot am Ende nämlich auch optisch.

Musikalisch überzeugt die Produktion: Das ungarische Piedra Festivalorchester ist ein inspirierter Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt - durchwegs eindrucksvoll - der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh). Die Tontechnik meistert die heikle Aufgabe, die weitläufig verteilten Protagonisten räumlich klar zuordenbar hörbar zu machen. Dirigent Giuseppe Finzi führt mit ruhiger Hand verlässlich durch das Spektakel.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der in Salzburg, Wien und Mailand ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: "Nessun dorma" klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin.

Imelda Marcos als Elektra

Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona verkörpert. Zu Beginn wirkt sie gewollt furchteinflößend: eine exzentrische Erscheinung, als wäre der Geist von Elektra in Imelda Marcos gefahren. Das sukzessive Weicher-Werden ihres Bühnencharakters vermag Serafin auch auf der riesigen Bühne zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, bei den Spitzentönen überwiegt überspannte Expressivität, für geschmeidiges Phrasieren bleibt hier wenig Spielraum.

Anders bei der von Puccini in den Plot eingefügten Gegenspielerin Liù, am Premierenabend gesungen von Donata D’Annunzio Lombardi: Die Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als Timur ist für sie ein ebenbürtiger Partner. Benedikt Kobel versucht als Kaiser Altoum vergeblich, mit waberndem Vibrato Herrschaftlichkeit auszustrahlen. Bariton Leo An ist als Ping zwischen den Tenören Jonathan Winell (Pang) und Enrico Casari (Pong) der stimmlich präsente primus inter pares. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für das sichtlich erleichterte Produktionsteam endete.