Wien hat Glück. Corona beschert dem Impulstanz Festival eine Uraufführung: "Cascade" von Meg Stuart wurde von einem Lockdown zum anderen verschoben, doch am 17. Juli landet der sprudelnde Tanzabend endlich in Wien.

Stuart und ihre Compagnie Damaged Goods sind heuer mit drei Arbeiten im Impulstanz Festival vertreten: Nach "Cascade" ist auch eine Reprise von "Violet" zu sehen sowie das abschließende Showing nach einem Rede-Workshop. Bestens gelaunt erzählt sie von der Inspirationsquelle Fußball und gibt einen sehnlichen Wunsch preis.

Meg Stuart wurde 1965 in New Orleans geboren und steht seit mehr als 30 Jahren als Tänzerin und Choreografin auf der Bühne. Schon im Kindergartenalter durfte sie in Produktionen ihrer Eltern, die ein Theater geleitet haben, tanzen und spielen. 1991 zeigte sie im belgischen Leuven ihr erstes abendfüllendes Stück "Disfigure-Study", 1994 hat sie die Compagnie Damaged Goods gegründet.Eva Würdinger
Meg Stuart wurde 1965 in New Orleans geboren und steht seit mehr als 30 Jahren als Tänzerin und Choreografin auf der Bühne. Schon im Kindergartenalter durfte sie in Produktionen ihrer Eltern, die ein Theater geleitet haben, tanzen und spielen. 1991 zeigte sie im belgischen Leuven ihr erstes abendfüllendes Stück "Disfigure-Study", 1994 hat sie die Compagnie Damaged Goods gegründet.Eva Würdinger

Wiener Zeitung: Die Uraufführung ihrer jüngsten Choreografie ist auf Grund der Pandemie mehrmals verschoben worden. Geht ihnen da nicht die Luft aus und die Lust verloren?

Meg Stuart: Nein, gar nicht. Wir haben die Verschiebungen integriert und das Unbekannte, die Ungewissheit und die nicht berechenbare Zeit in das Stück hineingenommen. Deshalb begeben wir uns in ein unbekanntes Land, in einen Raum ohne Grenzen in dem die sieben Tänzer ihre eigenen Grenzen ausloten, sich ihren Ängsten stellen und erkennen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es gibt keinen Konkurrenzkampf, aber ein gemeinsames Ertragen der Instabilität.

Wird dabei improvisiert?

In dem von mir vorgegebenen Rahmen. Ich habe die Struktur erstellt, doch dann müssen sich die Mitwirkenden auf ihre Erinnerungen und Wünsche besinnen, in "Cascade" gibt es keinen harmonischen Fluss, sondern ein ständiges Explodieren und Implodieren.

Wird dann jeder Abend ein wenig anders sein?

Das denke ich, je nach der Verfassung der Tänzer, je nach dem was sie am Vorabend oder auch am Tag danach erlebt haben. Aber es gibt den festen Rahmen.

Und es gibt ein Bühnenbild und die Musik.

Das Bühnenbild ist von Philippe Quesne (Anmerkung: der multidisziplinäre französische Künstler ist auch immer wieder bei den Wiener Festwochen zu Gast, heuer mit seiner Inszenierung "Das Lied von der Erde"), dem es gelingt, ferne Räume zu kreieren und die Vorstellung einer anderen Welt zu schaffen. Ich meine, sein Bühnenbild sagt mehr über die Zeit aus als irgendein Platz irgendwo. In diesem Traum-Raum wissen auch die sieben Menschen nicht, wer und was sie sind, sie balancieren auf einem schmalen Grat, zwischen der Zeit und versuchen ein möglichst komfortables Miteinanderauskommen zu finden.

Die Musik ist von Brendan Dougherty, mit dem Sie schon zusammengearbeitet haben.

Brendan folgt meinem Zick-Zack-Duktus und hat sowohl elektronische Klänge gespeichert, wird aber die Tänzer auch live auf Trommeln und Percussion begleiten. Er hat vor den Proben angefangen, sich Gedanken zu machen, ist aber dann dem Probenprozess gefolgt und hat am Schluss alleine seine Komposition beendet. Er hat, ganz im Sinn meiner Choreografie, eine Hör-Kaskade geschaffen.

Woher flog Ihnen die Idee für "Cascade" zu?

Als ich im Fernsehen bei einem Fußballmatch gesehen habe, wie sich die Spieler schräg in die Luft werfen, um nach einem Ball zu greifen, hat mich diese Bewegung sofort interessiert. Im Tanz ist ja alles der Schwerkraft unterworfen, entweder man arbeitet mit ihr oder gegen sie, jedenfalls sind schräge Bewegungen selten, es geht senkrecht auf und ab. Dieses Mal versuche ich diesen schrägen Sprung, einen eher unrealistischen Bewegungsablauf, auf die Bühne zu bringen. (Ohne die Balance zu verlieren, wirft sich Meg Stuart auf ihrem Sessel schräg in die Luft und fängt einen imaginären Ball.)

Was regt sie sonst zu einer neuen Choreografie an?

Meine Inspirationsquellen sind überall. Ich bin an so vielem interessiert, etwa an Kosmologie und der Kraft der Planeten, wie sich alles durch Zeit verändert, überhaupt Zeit und das Timing, die Steuerung der Zeit, wie dehnt sie sich und wie schrumpft sie wieder.

Was soll das Publikum außer einer schönen Tanzvorführung mitnehmen?

Das Offensein für das Unbekannte, Covid hat uns gelehrt, dass wir einander vertrauen müssen, weil wir uns brauchen und voneinander abhängig sind. Wir haben die Energie und Kraft, immer weiter zu machen und müssen nicht in Isolation und Hoffnungslosigkeit versinken.

Das sind fromme Wünsche, haben sie persönlich einen Herzenswunsch?

(Nach langem Nachdenken, gesteht sie:) Mich interessiert es, einmal mit einer großen Ballettcompagnie zu arbeiten. Das ist wirklich ein heftiger Wunsch.

(Ihren strahlenden Augen ist die Lust auf dieses Abenteuer anzusehen. Die Telefonnummer von Ballettdirektor Martin Schläpfer ist öffentlich zugänglich.)