Das Genre Science-Fiction ist auch deshalb so spannend, weil eine fremde Welt entworfen wird, die wir erst enträtseln müssen. So wird das Zuschauen zum Abenteuer. Wo befindet sich das Forscherteam gerade? Welche Gesetze herrschen auf dem Planeten? Und nicht zuletzt: Was machen die hier bloß freiwillig?

Die US-Choreografin Meg Stuart schickt in ihrer jüngsten Arbeit "Cascade", die im Rahmen von Impulstanz uraufgeführt wurde, ihr siebenköpfiges Team auf eine Expedition ins All. Das macht neugierig, weil im Tanz ohnehin viel zu selten einem Genre Tribut gezollt wird, das eigentlich im Kino daheim ist. Der Franzose Philippe Quesne, ein Meister des skurril-fantastischen Bildertheaters, hat für Stuart ein Bühnenbild entworfen, das aus einer Skater-Rampe und zwei gigantischen aufblasbaren Hüpfburgen besteht. Es wartet förmlich darauf, ausgiebig bespielt zu werden. Und so waten die Akteure zuerst einzeln, dann zunehmend im Team, in Zeitlupe auf den wabernden Flächen, erklimmen die Rampe in möglichst seltsamen Gangarten, und holen sogar die massiven Steine, die bedrohlich in Netzen über ihren Köpfen baumeln, herunter. Entwarnung: Alles nur Schaumstoff. Es passiert viel, aber es entsteht nie eine eigenständige Welt, die einen beim Zuschauen in den Bann zieht. Man beobachtet Pieter Ampe, Jayson Batut, Mor Demer, Davis Freeman, Marcio Kerber Canabaroo, Renan Martins de Oliveira und Isabela Fernandes Santana beim Improvisieren. Eh okay, aber ermüdend, weil es auch tänzerisch nicht sonderlich aufregend ist.

Eine neue Nähe

Nach rund 45 Minuten dann Stimmungswechsel: ein schöner Sommertag, hinten plätschert das Meer in einer Projektion, die Musik suggeriert: Relax. How Deep is your love. Sind wir plötzlich auf der Erde gelandet? "Willkommen zurück", sagt Davis Freeman, der Bruder der Choreografin: "Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen." Wie im Sturm werden die Akteure durch Trommelwirbel (Livemusik: Brendan Dougherty und Philipp Danzeisen) über die Bühne gefegt. Wer tanzt hier wen? Alle suchen eine neue Nähe, aber finden sie nur in kurzen Momenten. Corona weht als Thema herein. Gegen Ende fährt der Abend dann kitsch-dystopische Bilder auf, mit halbnackten Tänzerinnen und Tänzern, die sich wie Zombies verrenken. Das ist leider sehr betulich.

"Cascade" ist abschreckendes Beispiel für internationalen Koproduktionszirkus: Nur weil sich Kunstlegenden zusammentun, ergibt das noch kein schlüssiges Endprodukt. Anstatt der Stärken der Einzelakteure sieht man ihre Schwächen. Die Texte von Tim Etchells, dem smarten Mastermind der britischen Performance-Gruppe Forced Entertainment, wirken bemüht: Sie wollen die Pandemie ansprechen, aber bloß nicht zu deutlich werden. Die magische Welt von Philippe Quesne wird bei Stuart selten lebendig, auch, weil der bierernsten Inszenierung der schräge, leichte Humor fehlt, für den Quesne berühmt ist. Und Stuart wiederum ist bedeutungsschwer und gleichzeitig bedeutungsleer. Schwerelos sieht anders aus.