Nachdem Arrigo Boito einen ersten Text für die Komponistenfeder Giuseppe Verdis verfasst hatte, soll ihm dieser zum Dank eine Uhr geschenkt haben. Das Präsent, fügte Verdi hinzu, möge den 29 Jahre Jüngeren nicht nur an ihn erinnern, sondern auch "an den Wert der Zeit".

Arrigo Boito hat diesen Wert durchaus produktiv genützt. Der Mann aus Padua (1842-1918) ist als Librettist in die Kunstgeschichte eingegangen, nicht zuletzt wegen seiner fortgesetzten Arbeit mit Verdi ("Otello"). Weniger bekannt ist freilich, dass Boito auch selbst Noten setzte. Nur ließ er es da an Zielstrebigkeit vermissen. Gut, seinen "Mefistofele" hat er 1868 mit mäßigem Erfolg herausgebracht. Sein "Nerone" aber ist unvollendet in der Schublade vermodert - obwohl Boito daran 56 Jahre gefeilt hat. Ging ihm im Alter die Kraft aus? Hemmte ihn die Angst vor dem Scheitern? Jedenfalls: Der Italiener hat nur vier der fünf Akte seines Textbuchs in Musik gesetzt. Arturo Toscanini brachte diese Rumpffassung 1924 auf eine Bühne. Und wieder: ein mäßiger Erfolg.

Verdi-Melos trifft Wagner-Mystik

Die Bregenzer Festspiele haben zur Eröffnung heuer just diesen Vierakter aus der Versenkung geholt und am Mittwoch unter dem Titel "Nero" zur Premiere gebracht. Ergebnis? Nun: Den Rosetta-Stein der italienischen Opernwelt beschert einem diese Produktion nicht, aber eine lohnende Entdeckung fern des Mainstreams.

Das große "Nero"-Manko: Dem Stück fehlen Ohrwürmer ebenso wie Bravourarien. Dafür entschädigt es mit einer nahezu kaiserlichen Lust an der Üppigkeit. Die bricht sich musikalisch ebenso Bahn wie in einem Libretto, das Schauerromantik mit Sandalenfilm-Gigantomanie verbindet. Auftritt Nero: Der Kaiser versucht, sich der Gewissensbisse nach seinem Muttermord bei dem Zauberer Simon Mago zu entledigen. Doch der Guru will den Kaiser vor den Karren seines eigenen, windigen Kults spannen. Die dahergelaufene, Nero-vernarrte Asteria kommt ihm da grad recht: Sie soll für Simon eine Rachegöttin mimen und Neros Knie schlottern lassen. Doch der Kaiser durchschaut den Budenzauber, haut Simons Tempel kurz und klein und greift nach vollbrachter Gewalttat zur Lyra: Ein Gott, das sei er selbst.

Das bekommt auch bald die Christenheit zu spüren, nicht zuletzt das Duo Fanuèl und Rubria: Gemeinsam mit Simon sollen sie zur allgemeinen Ergötzung in der Arena sterben. Doch der Brand Roms (hier von Simon angezettelt) bereitet dem ekligen Entertainment ein unverhofftes Ende. Die Stadt versinkt in Schutt und Asche, Rubria stirbt den Märtyrertod, Asteria wird letztendlich bekehrt. Ende des vierten Aufzugs - und eigentlich kein schlechtes für die gesamte Oper. Das liegt freilich auch an der Musik dieses Zirkus-Akts. Rasende Rhythmen, Fernchöre und -Bläser malen die Illusion eines Wagenrennens in den Klangraum, und am Ende lässt eine rumorende Akkordsequenz die Mauern Roms zusammenkrachen: Monumentalfilm für die Ohren. Überhaupt erweist sich diese Partitur als origineller Stilmix. Boito formt seine Gesangslinien nach der Manier Verdis, nimmt aber in anderen Belangen bei Richard Wagner Maß: Statt einer Um-pa-pa-Begleitung kommen flirrende Streicher zum Zug, durchkomponierte Langstrecken ersetzen das Nummernoper-Korsett, und statt erwartbaren Harmoniefolgen überraschen verminderte Akkorde und Rückungen. Eigentlich "wagnert" es dabei auch in der Handlung: Die Kontrastwirkung von Heiden- und Christentum hatte schon der "Tannhäuser" charismatisch bemüht, und Asteria, dieses hin- und hergerissene Rätselwesen, findet in der "Parsifal"-Kundry eine entfernte Verwandte.

Glitzer-Jesus trifft Couch-Nero

Fragt sich nur: Wie hievt man so ein Wuchtwerk auf die Bühne, ohne das Bruttoinlandsprodukt eines mittleren Kleinstaats zu investieren? Regisseur Olivier Tambosi setzt im Festspielhaus auf Stilisierung und versucht, das Seelenleben des Kaisers farbensatt zu porträtieren. Anfangs mit Fortüne: Vor abstrakten Kulissen (Frank Philipp Schlössmann) trägt Nero wie das Gefolge einen blutbefleckten Morgenmantel; wenn das Volk jubelt, erscheint es dem gewissensgeplagten Despoten in Gestalt unzähliger Wiedergänger seiner geschlachteten Mutter. Im Laufe der drei Stunden suchen die Kostüme (Gesine Völlm) nur leider ihr Heil verstärkt in schrillen Farben - dann predigt der Christenführer Fanuèl mit Wallehaar und Glitzerstock, intrigieren die Simonisten mit Düsterflügeln. Das ist der Mythenkraft des Librettos und seinem Verständnis ebenso abträglich wie der Umstand, dass Nero gegen Ende bevorzugt auf einem Sofa, wohl aus der Boito-Zeit, lümmelt.

Dafür gerät die musikalische Umsetzung fulminant: Rafael Rojas verleiht dem Kaiser übermenschliche Schallwucht, Lucio Gallo orgelt den Simon markerschütternd, Svetlana Aksenova (Asteria) vermittelt, trotz kleiner Höhenprobleme, eine brennheiße Intensität und Alessandra Volpe (Rubria) begeistert mit einem markanten Mezzo. Dazu navigiert Dirk Kaftan die Wiener Symphoniker und den Prager Philharmonischen Chor zielsicher durch die Klangfluten der Partitur. Am Ende einige Regiebuhs, doch vor allem Applaus im vollen Saal, in dem man am Mittwoch (noch) weitgehend auf FFP2-Masken verzichtet hat.