Nirgends lässt es sich besser nachsitzen als im Tanz. Während Theaterinszenierungen verschwinden, sobald sie abgespielt sind, ist es im Tanz üblich, dass Klassiker noch jahrzehntelang touren. Natürlich birgt dieser Ansatz auch eine Gefahr: Das Theater kann man verklären. Tanz wird ständig neu überprüft. Was einmal am Puls der Zeit war, wirkt aus der Distanz womöglich veraltet.

Maguy Marin ist die Grand Dame des französischen Tanztheaters. Bei ImPulsTanz ist ihr Klassiker "Umwelt" aus dem Jahr 2004 wiederzusehen. Als frühe Warnerin vor einer Klimakatastrophe lässt Marin den Wind ständig bedrohlich wehen. Dazu erklingen laut verzerrte Gitarrenklänge. Die Stimmung ist gedrückt, das heraneilende Unheil ständig präsent, aber doch abstrakt. Aber die Menschheit tut, als ob nichts wäre. Wir ziehen unseren Pullover an, tragen den Müll raus, beißen in einen Apfel und setzen uns eine Pappkrone auf, ein Zeichen von Hybris. Marins präzise getaktete Choreografie zeigt den Homo sapiens als Gewohnheitstier. Er ist im Alltag gefangen, sieht die Gefahr gar nicht, auf die er zusteuert.

Einsam ist jeder

In Frankreich war Marins Arbeit nach der Premiere umstritten. Es gäbe keine Beziehungen zwischen den Tanzenden, hieß es. Eine absurde Kritik, schließlich geht es doch genau darum. Entfremdung ist das zentrale Thema dieser getanzten Dystopie. "Umwelt" ist eine Art düsteres Pendant zu Peter Handkes luftig-leichtem Schauspiel ohne Worte "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten", in dem eine Gruppe von Menschen über einen Platz flaniert. Marin zeigt eher "Die Stunde da wir nichts voneinander wissen wollten": Auch in den spärlichen Umarmungen bleibt jeder für sich, wenn die Protagonisten ein Glas Wein trinken, schauen sie gedankenverloren nach vorne. Einsam sind hier alle.

Bauschutt landet auf der Bühne, Knochen werden abgenagt, Perücken abgeworfen: Im Laufe der 60-minütigen Aufführung wird die Bühne mit allerlei Zivilisationsmüll zugeschüttet. Alles ist minutiös getaktet, Wiederholungen und Variationen werden genau durchexerziert. Man schaut gerne zu, wie die Menschen auf der Bühne immer stärker in eine Verrohung abgleiten. Selbst Szenen, in denen sie wie Bestien tote Fasane im Maul über die Bühne schleppen, haben eine schöne Beiläufigkeit. Alltagsbilder und surreale Szenen gehen raffiniert Hand in Hand. Man würde heute vielleicht nicht mehr mit der Kamera fotografieren wie bei Marin. Die wenigen Liebesszenen sind alle heterosexuell, auch da wäre man mittlerweile diverser.

Abgesehen davon, funktioniert der penible getaktete Abend noch immer erstaunlich gut. Zumindest, wenn man ihn rein formal betrachtet. Hat "Umwelt" tatsächlich, wie im Programmheft behauptet, an Dringlichkeit gewonnen? Ist das Stück aktueller denn je? Eher nicht. Im Angesicht einer Pandemie und von sehr konkreten Überschwemmungen ist der Abend doch ein bisschen harmlos. Vor 15 Jahren ließ es sich eben leichter über eine drohende Katastrophe erzählen. Jetzt ist sie da, die Kunst wirkt da auch hilflos.