Sich ganz in einer Figur zu verlieren, ja darin beinahe verloren zu gehen, beschreibt Lina Beckmann als den Idealzustand des Arbeitens an einer Figur, auf der Bühne. Aus dem dabei aufkeimenden Verstehen eines Charakters, aus der Empathie, die bei diesem Ergründen entsteht, schöpft die deutsche Schauspielerin ihre darstellerische Kraft.

Wie präsent die Charaktere sind, die sie dabei entstehen lässt, damit beeindruckte Beckmann 2017 als Gerhard Hauptmanns "Rose Bernd" nicht nur bei den Salzburger Festspielen. Für diesen Sommer ist ab 25. Juli eine Neuauflage der Zusammenarbeit zwischen der in Hamburg lebenden Schauspielerin und Regisseurin Karin Henkel geplant. Beckmann übernimmt dabei die Titelpartie einer Shakespeare-Bearbeitung des Königsdramas "Richard III." - eine doch eher ungewöhnliche Rolle für eine Frau.

"Richard the kid & the king" heißt die Shakespeare-Adaption, die schon 2020 Premiere haben sollte. Die Konzeption des Projektes war abgeschlossen, es gab eine erste Fassung, die Besetzung stand fest, Proben hat es im Vorjahr jedoch noch keine gegeben. "Das Stück begleitet uns aber seither", erzählt Lina Beckmann im Interview mit der "Wiener Zeitung".

Ein Wesen, dem etwas fehlt zum Mann-Sein

Das Projekt hat sich verändert in diesem pandemischen Jahr - nicht zuletzt wegen der Bitte an die Regisseurin, nicht so viele Schauspieler zu besetzen: "Karin Henkel macht es jetzt mit nur vier Schauspielern. Wir haben also ständig reagiert auf Einflüsse von außen, versucht, damit auf logische Weise in dem Stück umzugehen. Damit kämpfen wir jetzt und sind auf einem spannenden Weg."

Die Grundsatzentscheidung, diesen Richard als Hosenrolle oder als weibliche Figur anzulegen, bleibt in dem Projekt zumindest etwas vage: "Es ist ein Mann, ein Junge. Aber wir gehen damit wesenhaft um. Er sagt ja über sich, dass sich alle in den Schlafzimmern tummeln und er kann das nicht, weil ,mir diese schönen Proportionen fehlen‘. Es fehlt ihm etwas zum Mann. Er ist einfach diese Kreatur, dieses Wesen. Für mich hat er aber klar männliche Züge."

Mit dem Dramatiker Shakespeare hatte Beckmann bisher wenig zu tun, befindet sich aktuell auf Entdeckungsreise: "Das Erstaunliche an ihm ist, ich erfasse ihn beim Lesen nicht so gut, denke dann, das ist aber kompliziert oder altmodisch. Wenn ich mich aber dann mit dem Text beschäftige und ihn in den Körper nehme, erschließt er sich im Erfassen der Figuren als Spielerin. Erst durch das Bearbeiten des Textes mit den eigenen Emotionen und Gedanken wird es wahnsinnig tiefgründig, reich an Möglichkeiten. Ich bin gerade geplättet von den modernen Gedanken, die da drinstecken, zutiefst überrascht, höchst erfreut." Als Grundkompetenz einer Schauspielerin beschreibt Beckmann, die Fähigkeit, einer Figur die eigene Seele zu öffnen. Ob man diese Empathie lernen kann? "Wenn ich mich einer Figur stelle, funktioniert das sofort durch ein Gefühl und nicht durch den Kopf. Ich nähere mich einer Rolle durch ein Gefühl und nicht durch den Verstand. Mein Bauch ist klüger als mein Kopf. Zumindest traue ich meinem Bauch mehr."

Einem Berserker die eigene Seele öffnen

Aber einem Berserker, die Seele öffnen, einer Figur wie Richard, die als ebenso kaltblütig und verführerisch wie hemmungslos und hellsichtig gilt? Wie entwickelt man Empathie mit so einem Charakter? "Das verdanke ich Karin Henkel. Sie hat mich da herangeführt. Warum ist jemand so geworden? Was ist der Motor, das alles zu tun? Warum auf diese Weise? Da suchen wir gerade auch in Beziehung zu Richards Mutter nach Antworten. Sie sagt, sie habe schon in der Schwangerschaft gespürt, ,dass du ein Monster wirst‘. Ist ein Mensch schon so auf die Welt gekommen, war der Defekt schon da - oder ist er durch die Behandlung durch die Menschen entstanden. Du bist hässlich, du bist verkrüppelt - wenn immer so mit dir gesprochen wurde, was macht das mit deiner Seele? Das fand ich irre spannend. Darüber ist für mich die Empathie zu diesem Wesen entstanden."

Wenn Beckmann sich einer Figur widmet, so verliert sie sich idealerweise darin. Probleme, aus den sich dabei öffnenden Abgründen wieder herauszufinden, kennt die Schauspielerin nicht: "Da habe ich ein Vertrauen in mein Leben, dass ich gerne hinaus gehe, gerne mit meiner Familie bin, das Leben liebe. Natürlich schwappt die Arbeit in den Alltag hinein. Man arbeitet an den Texten, denkt beim Kochen, beim Hausaufgabenmachen an das Stück. Aber ich hatte noch nie Schwierigkeiten, eine Figur abzulegen. Da bin ich Gottseidank gesund genug."

Manche Bühnencharaktere kommen ihr dabei unangenehm nah, beschreibt Lina Beckmann ihre Herangehensweise. Die Arbeit an einer Figur schwerer oder leichter macht diese Nähe nicht: "Es gibt Figuren, die einen schweren Weg gehen in einem Stück. Und der fällt mir dann auch manchmal schwer. Es waren schwere Tage, wenn ich abends die ,Rose Bernd‘ gespielt habe. Diese Figur des Richard, der sehr witzig ist, so gekonnt, so charmant. Obwohl das eine schwierige Aufgabe ist, ist es als Gefühl nicht so schwer. Er bestimmt, wie er seinen Weg geht. Die Rose Bernd ist starr gefangen, kommt nicht an verschiedene Möglichkeiten. Richard dagegen ist aktiv, entscheidet, packt an. Obwohl er ein Berserker ist, liegt eine unglaubliche Leichtigkeit und Freiheit darin."

Und wer ist dieser Richard nun für Lina Beckmann? "Es ist alles. Er ist ein Kind, er ist ein Schwein, er ist liebevoll, sogar rührend. Ich mag ihn auf eine Art. Gleichzeitig ist er ein Psychopath, der Angst macht, unangenehm, unmenschlich ist. Ich habe noch nie eine Figur gespielt, die so eine Freiheit hat, in dem, was sie sein kann. Er kann alles sein, weil er sich das erlaubt."

Erschreckende Aktualität der Mechanismen der Macht

Neben der psychologischen Komponente interessiert Lina Beckmann an Richard natürlich auch die gesellschaftliche Dimension, die der Stoff in sich trägt - denn das Shakespearsche Drama verweist radikal in die Gegenwart, geht es doch darum, wie Richard sich als menschenverachtender Manipulator durchsetzt und an die Macht gelangt: "Da muss ich an Donald Trump und andere grausame Machthaber denken. Sie kommen an die Macht, weil es Menschen gibt, die das zulassen. Richard ebnen sie aus eigener Karrieregeilheit und Machtbesessenheit die Wege. Da gibt es genauso viele Fragezeichen. Warum stellt sich ihm niemand in den Weg? Das tun noch am ehesten die Frauenfiguren. Durch die Dreistigkeit, mit der Richard vorgeht, und die helfenden Hände ist er da oben. Das kann doch nicht wahr sein, wieso sieht denn keiner, was hier geschieht? Dieses Gefühl hatte ich bei Trump ebenso wie bei Richard. Das ist erschreckend aktuell."

Sie liebe es, wenig zu reden, sagt Lina Beckmann über sich selbst, privat und als Schauspielerin. Kann man schweigend mehr sagen? "Mich interessiert das mehr, als Zuschauerin und als Spielerin. Mich interessieren die stummen Rollen, da schaue ich auch selbst eher hin. Was erzählen Menschen, die nichts sagen, wenn sie sich in Räumen bewegen? Durch Worte kann man viel ausdrücken, Sprache ist ein tolles Mittel und ich bin dankbar, dass wir sie haben. Aber mich fasziniert das Stille manchmal eher." Irritiert hat Beckmann die Stille, die in Theatern während des Lockdowns herrschte.

Für Kameras zu spielen, beschreibt sie als gruselig: "Die Sätze, die man spricht: Auch wenn die Menschen im Raum sonst ja auch nichts sagen, geben sie eine Art Antwort, da kommt etwas zurück, indem sie einfach da sind. In eine Kamera zu spielen, da wusste ich oft nicht, wo mein Satz hingeht, weil man ja im Dialog mit den Zuschauern spielt. Es war entzaubernd, ja fast sinnentleert. Die Verbindung zu den Menschen funktioniert für mich nicht über den Bildschirm. Das ist für mich nicht Theater, es ist etwas anderes. Mich davon zu verabschieden und nach neuen Wegen zu suchen, das fällt mir schwer, ergibt für mich keinen Sinn, weil ich das andere zu sehr liebe."