So wird man auch nicht alle Tage zum Fotoverzicht aufgefordert. Knapp vor Spielbeginn öffnet sich eine Dachluke in dem gewaltigen Clownskopf, der die Bregenzer Seebühne überragt, und ihr entsteigt: ein Zirkus-Uniformträger mit denglischem Redeschwall. "Put the telephone aus", beschwört er die rund 7.000 Zuschauer, wenig später heißt es mit Verweis auf den Ober-Opernhit des Abends: "Put your Mobile into the Tasche." Bevor der Schwätzer verschwindet, lässt er die Knipslustigen aber zumindest noch einmal ihr Bedürfnis ausleben. Und zwar an ihm. Imaginärer Trommelwirbel: Der Mann stellt in luftiger Höhe eine Leiter auf, steigt empor, drapiert sich malerisch an der Spitze - und jetzt, bitte alle abdrücken!

Ein seltsame Lehrstunde - doch vermutlich nötig, denn der Fotoanreiz des "Rigoletto"-Bühnenbilds von Philipp Stölzl (auch Regie) und Heike Vollmer ist enorm. Rund 14 Längenmeter misst der Clownskopf, der in Bregenz bereits 2019 seinen Dienst getan hat: Der Technikgigant kann ebenso in den Bodensee abtauchen wie in luftige Höhen aufsteigen, besitzt zudem ein mimisches Eigenleben. Mitunter gafft er glubschäugig auf die Bühne, wo sein Pendant, der Hofnarr Rigoletto, den Gelüsten des schurkischen Herzogs dient. Mitunter öffnet er auch gierig seinen Schlund - vor allem, wenn dem Adeligen ein neues Sex-Opfer zugeführt wird. Happ!, verschwindet es hinter den Zähnen; schwapp!, wird es nach dem Schäferstündchen im Bodensee entsorgt.

Stunts und Spitzentöne

Auch die zwei Hände des Bregenzer Wasserkopfs entwickeln allmählich Leben, in der linken hält der Gigant gar eine Art Heißluftballon: Gilda, Rigolettos naive Tochter, entschwebt darin in den siebenten Liebeshimmel, nachdem ihr der Herzog als angeblicher Bettelstudent den Kopf verdreht hat. Dabei deutet sich das verdrießliche Ende für Vater und Tochter schon lang vor dem Ende der 120 pausenlosen Minuten an - wenn die Schergen des Despoten beginnen, das Clownsgesicht allmählich zu demontieren und es in einen schaurigen Schädel verwandeln.

Chapeau: Stölzls Regie wird nicht nur den Show-Ansprüchen der Bregenzer Seebühne gerecht; die symbolkräftigen Bilder befeuern zugleich die Intensität des Dramas. Erstaunlich auch: Trotz der Ausmaße dieses Areals, das um Licht- und Wassereffekte ebenso wenig verlegen ist wie um Stunt-Szenen, wirken die intimen Momente auf den Seitenplattformen nicht verloren - ein Raumwunder im unverhofften Sinn.

Stimmt zwar: Wollte man das Haar in der Suppe finden, man dürfte einen Regie-Entscheid hinterfragen. Wie sinnvoll ist es, alle Figuren in knallige Zirkuskostüme (Kathi Maurer) zu pferchen und den Herzog so in einen Manegen-Chef zu verwandeln? Besteht in der Artistenwelt ein so steiles Hierarchiegefälle wie in Verdis Palast? Doch geschenkt: Auf der Seebühne zählt das Charisma des Bildes mehr als konzeptuelle Klarheit.

Und die Besetzung kann sich abermals hören lassen: Long Long besitzt dank Säuselgesang ("La donna è mobile") und mannhafter Attacken Herzogs-Format, Ekaterina Sadovnikova verleiht Gilda einen Schwärmersopran mit makellosen Spitzentönen, und der Rigoletto von Vladimir Stoyanov gebietet über einen raumgreifenden Bariton, der ein zwar schweres, doch rollentaugliches Vibrato birgt. Letztlich einhelliger Applaus, auch für die Wiener Symphoniker mit ihren exquisiten Holzbläser-Solisten unter der zügigen, effektsicheren Leitung von Julia Jones.