Diesmal gab es keinen roten Teppich. Die Noch-Kanzlerin kam dennoch. Insgesamt durften 911 Besucher ins Festspielhaus, in dem sich Plätze für mehr als doppelt so viele Wagnerianer befinden. Wenn sie denn 3G-sicher waren und alle Kontrollen passiert und eine Maske vor Mund und Nase hatten. Aber Wagnerianer sind eine leidensfähige Spezies. Vor den Schlussapplaus waren knappe zweieinhalb pausenlose Stunden "Fliegender Holländer" gesetzt!

Dmitri Tcherniakov erzählt bei den Bayreuther Festspielen eine Geschichte, zu der Richard Wagners "Fliegender Holländer" gespielt wird. - © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Dmitri Tcherniakov erzählt bei den Bayreuther Festspielen eine Geschichte, zu der Richard Wagners "Fliegender Holländer" gespielt wird. - © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Dafür ist Dmitri Tcherniakov als Regisseur und sein eigener Bühnenbildner eigentlich eine gute Wahl. Natürlich hat der Russe eindrucksvolle - wenn auch deprimierende - Bilder und eine detaillierte Personenregie parat. Elena Zaytseva sorgt für ungefähre Gegenwartskostüme mit leichtem Secondhand-Touch. Die Seefahrer hängen in der Dorfkneipe ab. Auch sonst: kein Schiff, nirgends. Beim Finale scheint der Regisseur vom Kurs abgekommen und in der "Götterdämmerung" gelandet zu sein. Da hat sich das halbe Dutzend Bühnenhäuser, das sich wie von Geisterhand dauernd bewegt, zu einer Fassadenfront formiert und brennt lichterloh. Davor sieht es aus wie nach einer veritablen Schlacht auf dem Dorfplatz, bei der erst der Holländer einfach ein paar Männer erschießt und dann Frau Mary den Holländer.

Kindheitstraumata

Was wir bis dahin miterlebt haben, war die Geschichte eines Mannes (Holländer) mit einem prägenden Kindheitstrauma. Und die einer jungen Frau (Senta) mit einem gewaltigen Verhaltensproblem. Da steuern zwei Handlungsstränge aufeinander zu, verbinden sich aber nicht wirklich.

Zur Ouvertüre erfahren wir, was der Holländer als Kind miterlebt hat. Die Mutter schickt ihn jedes Mal weg, wenn sie es mit einem Mann aus dem Dorf treibt. Von der Dorfgesellschaft wird sie dafür so gemobbt, dass sie sich erhängt. Wenn der Junge als gestandenes Mannsbild nach Jahren an genau den Ort zurückkehrt, dann könnte man Rachegelüste vermuten. Die Werbung um Senta bei einem gemeinsamen Abendessen bei Daland und (seiner) Frau Mary lässt das aber offen.

Senta wiederum ist eine verwöhnte Göre. Nach dem Motto: Hauptsache weg, und sei es aus dem Leben. Wo dafür die Wurzeln liegen, erfahren wir nicht. Vielleicht benimmt man sich so nach einem Jahr echter Corona-Quarantäne in einem von Tcherniakovs ziegelsteinverkleideter Häuser? Wenn Senta vor den kalten Fassaden allein unter der Laterne steht, berührt ihr Schicksal immerhin für Momente tatsächlich. Die fliehende Senta sozusagen. . .

Tcherniakov ist immer nur dann wirklich gut, wenn er die Geschichte, die er erzählt, mit der, die auf dem Programm steht, so vernetzt, dass eins das andere erhellt. Genau das bleibt er diesmal schuldig. Dafür kassiert er etliche Buhs beim Schlussapplaus.

Asmik Grigorian lässt zwar kaum ein gutes Haar an Senta (man versteht Erik, wenn er am Ende resigniert) - aber das macht sie phänomenal! Auch Marina Prudenskaya ist als Frau Mary auf Augenhöhe mit dem wie immer grandiosen Georg Zeppenfeld als Daland. Neben ihm hatte es der sich wacker schlagende John Lundgren in der Titelpartie nicht leicht. Eric Cutler macht seine Sache als um die ausgetickte Senta ringender, geradezu belcantistischer Erik gut.

Es wird sicher einige Beobachter geben, die aus der zwar überraschenden, aber auch etwas tröstlichen Umarmung von Senta und Frau Mary am Ende einen Triumph der Frauen machen. Einen echten Triumph konnte auf jeden Fall die erste Frau am Pult des Festspielorchesters, Oksana Lyniv, für sich verbuchen. Sie musste nicht nur den verdeckten Graben und die Bühne zusammenbringen, sondern auch noch den im Probensaal singenden Chor (bewährte Einstudierung: Eberhard Friedrich) quasi einpassen. Die eine Hälfte spielte - um den Gesang wissend - auf der Bühne; die andere sang - das Spiel imaginierend - nebenan. Dass da am Ende etwas die Luft raus war, ist kein Wunder.

Im Ganzen hat es funktioniert und stimmt hoffnungsvoll, was diese Dirigentin und die Offenheit von Bayreuth für diese wirklich längst überfällige personelle Neuerung im Graben betrifft.