Jeder Schrecken hat ein Ende", ist neuerdings am Eingang zum Salzburger "Triangel", einem Lieblingstreff der Festspielprominenz, zu lesen. Der frohe Satz gilt natürlich der Corona-Pandemie, und das Stadtbild gibt ihm vordergründig recht: Die Lockdowns sind passé, die Altstadtgassen wieder mit Touristen befüllt und die Opernpremieren (fast) bis auf den letzten Platz besetzt. Allein: Ob die letzte Pandemieschlacht, Stichwort Delta-Variante, wirklich schon geschlagen ist?

Ein rasches Ende finden jedenfalls die Schrecken von Richard Strauss’ "Elektra": Die Regiearbeit von Krzysztof Warlikowski, im Vorjahr zur Premiere gelangt, ist am Dienstag in der Felsenreitschule wiederaufgenommen worden. Dass die Tragödie in Salzburg insgesamt zwei Stunden dauert und damit ein Quäntchen länger als partiturgemäß, liegt an einer Regie-Beigabe: Warlikowski lässt die Opern-Buhfrau Klytämnestra anfangs einen aufwühlenden Monolog sprechen, um ihren Standpunkt im antiken Familienzwist darzulegen. Nein, sie hat ihren Gatten Agamemnon im Bad nicht aus Machtgier geschlachtet - sondern weil er ein ausgemachter Drecksack war.

Nahrung für das Kopfkino

Am zementharten Hass von Tochter Elektra prallen solche Erklärungen naturgemäß ab: Wie ein Häuflein Rachsucht kauert sie am Rand der Szenerie von Małgorzata Szcześniak, die die Weiten der Bühne imposant füllt. Im Zentrum prangt ein langer Swimming Pool, links davon ein durchsichtiger Kubus: Klytämnestra haust darin mit ihrem Liebhaber Ägisth, eine Leiche wird aufgebahrt. Schwarzweiß-Bilder dieser Zeremonie, an die Bühnenwand projiziert, verbreiten das Gruselflair eines David-Lynch-Films. Clever, das Licht in dem Raum ausfallen zu lassen, wenn Elektras Bruder deren Rachefantasien umsetzt: Es gibt dem Kopfkino schaurige Nahrung. Erst am Ende des Schlachtens lassen sich die Wände wieder durchblicken, und sieh da: Auch Schwester Chrysothemis hat kräftig mitgemischt und Ägisth aufgeschlitzt. Muttermörder Orest nimmt jedoch panisch Reißaus, scheucht unsichtbare Plagegeister über seinem Kopf fort. Sind das die Fliegen, die gleichzeitig in einem blutigen Video (Kamil Polak) an der Wand wimmeln - oder die Erinnyen, die ihn fortan rachsüchtig verfolgen? Warlikowski versucht weniger, die Figuren feinpsychologisch anzureichern, als ihre antike Wucht zu vermitteln.

Seine Regie - letztlich respektabel - bringt die Wirkungsmacht des antiken Mythos aber lang nicht so sehr zur Geltung wie Dirigent Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker, die als "Elektra"-Dreamteam gelten dürfen. Wie hochauflösend da Details aus dem Orchestersatz schillern, wie penibel bald dieser, bald jener Effekt aufblitzt und die Bühnenemotionen befeuert, wie fieberhaft diese Musik zugleich vorandrängt, das sucht seinesgleichen.

Auch die Besetzung erfüllt Festspielansprüche: Zwar ist Ausrine Stundyte, nun im zweiten Jahr Protagonistin, nicht in jeder Lage mit dem gleichen Durchsetzungsvermögen gesegnet, übersetzt aber jede Gefühlsnuance in elektrisierenden Klang. Vida Miknevičiute verleiht der Chrysothemis einen Zwitschersopran mit rasiermesserscharfen Attacken, Tanja Ariane Baumgartner macht den Albdruck der Klytämnestra ebenso profund spürbar wie deren Schaurigkeit. Und Christopher Maltman? Bürgt als Orest für gerundete Klangkultur und eine markante, aggressive Diktion. Zuletzt Beifall für die Regie, Jubel für die Sänger und frenetisches Fußgetrampel für die Akteure im Orchestergraben.